piwik no script img

Vorschlag

■ Deutsche und russische Autorinnen lesen im Literaturhaus

„Als Schriftstellerin“, sagt Nina Kramer, „habe ich nur eine Heimat: die Sprache.“ Aber welche? Deutsch spricht sie jetzt, nach rund 20 Jahren in Berlin, fast perfekt. Schreiben aber kann und will sie nur auf Russisch, in der ehemaligen Amtssprache des Landes, dessen Antisemitismus sie 1971 zur Ausreise zwang. Wäre sie in Riga, „ihrer“ Stadt, geblieben, würde sie heute der neue Nationalismus der ehemaligen Sowjetrepublik zwingen, lettisch zu sprechen.

Wenn ihr die alte Heimat inzwischen fremd geworden ist, dann allerdings nicht nur aufgrund einer Politik, die 50 Prozent der Bevölkerung durch Sprachdiktat zur Minderheit macht. Auch die Reaktionen auf die sozialen Umbrüche und Verwerfungen in Lettland, die sie, dort immer wieder recherchierend, zu beschreiben sucht, machen ihr zu schaffen. Daß diese sowieso schon sehr patriarchale Gesellschaft noch patriarchaler werde, weil sich das bourgeoise Modell „Mann ernährt Frau“ zu etablieren beginne, interessiere gegenwärtig, so Kramer, nicht mal die Frauen selbst! Was zähle, sei allein die shuba, jener Platz, den Frau sich dann verdient, wenn sie einen finanziell potenten Mann halten kann.

In Deutschland sind Kramers Texte, die den Zusammenbruch der Sowjetunion spiegeln, in zahlreichen Ausgaben und Anthologien erschienen. Ihr letztes Buch, „Die Liebe der Balalaika“, wird sie heute abend vorstellen, im Rahmen der „Frauenbilder“, einer Lesereihe zum 70. Geburtstag der Gedok. Als „Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen“ fördert der von Ida Dehmel gegründete Verband inzwischen mehr als „nur“ weibliche Kreativität: Die Lesereihe sucht den Dialog über eine Vergangenheit, die die Deutschen bisher am liebsten ganz unter sich verhandelten. Kramer wird zusammen mit Christel Guhde lesen, die als sensible Beobachterin Berlins und der „Kriegsspur“ dieser Stadt bekannt ist. „Kriegsmütter, Kriegstöchter“: In diesem Text rekapituliert sie Kindheitsszenen aus Nazi-Deutschland. Daß die eigene Tante sowjetische Zwangsarbeiterinnen zu beaufsichtigen hatte und diese Macht auch zu genießen schien, hat sie nie vergessen. Eine Geschichte, über die Russinnen und Deutsche sich noch einiges zu sagen haben. Dorothee Robrecht

Heute im Literaturhaus Fasanenstraße, Wilmersdorf, 20 Uhr

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen