piwik no script img

Von Uli Reinhardt Zum Jubiläum

Wir alle kennen das kleine gallische Dorf von Asterix im Nordosten Frankreichs, das sich als einziges im Lande standhaft der Besetzung durch die Römer widersetzte. Nun haben wir hier zwar kein Römer-Problem mehr, auch sind wir kein Dorf, sondern eine ganz Provinz, und wir liegen im Südwesten. Aber mindestens ein Problem haben wir Journalisten in Deutschland: Wir zweifeln an uns und unserem Beruf. Die einst vollen Redaktionskassen sind leer, ungewöhnlich viele Kollegen „freigestellt“, die Leser laufen uns davon, die Jugend, flüstern wir uns zu, will uns gar nicht mehr.

Ist das überall in Deutschland so? Ja, fast. Aber da gibt es eben noch diese Provinz im Südwesten, uns nämlich. Wir halten stand. Seit fast 28 Jahren gibt es die Reportageagentur Zeitenspiegel, die alle namhaften deutschen und ausländischen Magazine mit Geschichten aus aller Welt beliefert. Seit sieben Jahren die Reportageschule Günter-Dahl in Reutlingen, wo die jungen Kollegen auf den heutigen „Normalfall“ in ihrem Beruf vorbereitet werden, das Überleben als „Freie“. Und vor fast zwei Jahren, nun mit hundert Ausgaben, wurde Kontext dem Publikum vorgestellt. Umgesetzt wurde die Idee einer Wochenzeitung in Print und online. Etliche namhafte Helfer standen seinerzeit Pate. Hervorgehoben werden sollen allerdings Hanne und Andreas Schairer, die das Geld zur Anschubfinanzierung gaben. Ohne sie wäre dieses muntere Projekt nicht gestartet, das sich nicht mit dem Blatt allein zufriedengeben, sondern ganzheitlichen Journalismus pflegen will. „Lernen als Recherche“, Café Kontext, „Wie Medien ticken“, sind nur einige Stichwörter, mit denen journalistische Tugenden und Fähigkeiten auf dem Gebiet der Bildung zum Tragen kommen sollen. Als vor knapp einem Jahr das wirtschaftliche Aus drohte, kamen innerhalb von nicht mal einem Monat 1.000 Solidaritätsabonnements zustande, eine Zahl, die zum Weitermachen aufforderte.

Gerade mal eine Handvoll Leute setzen dieses Arbeitsvolumen seit April 2011 um, so viel, wie man in manchen Redaktionen gerade mal ans Editorial setzt. Fast größenwahnsinnig. Auf jeden Fall aber ambitioniert. Vielleicht ist das genau der Unterschied zum Rest der „journalistischen“ Republik. Die Begeisterung, der Glaube an die eigene Arbeit und Wichtigkeit, das lustvolle Tragen der Verantwortung, das sich im Inhalt niederschlägt und vermittelt. Aber auch das Fehlen überflüssiger Hierarchien, die allen aufgezählten Projekten eigen ist. Das Mannschaftsdenken. Das Gesamtergebnis kann nur so gut sein wie das, was der Schwächste auf die Waage bringt. Also ist jeder bis zum Anschlag verpflichtet.

Das alles hat uns im Südwesten überleben lassen, umgeben von einem Meer der Verzagtheit, mit unseren Ideen und Überzeugungen, sogar ganz ohne Zaubertrank. Vielleicht sollten wir noch etwas daran arbeiten, Agentur/Journalistenpreise/Schule/Kontext besser miteinander zu verzahnen. Wie dem auch sei, die Redaktion hat mir beschieden, wenn ich dieses Editorial schriebe, dann dürfte ich der Redaktion auch wieder wie gewohnt eins überbraten. Würde ich auch gerne tun, denn Demut zu fördern ist wichtig. Aber mit fällt gerade nichts ein. Das nächste Mal dann wieder, meine Freunde. Jetzt gratuliere ich erst mal zur Hundertsten.

Uli Reinhardt ist Vorsitzender des Vereins für ganzheitlichen Journalismus, der Kontext herausgibt.