■ Vom Nachttisch geräumt: Pfeifen
Drei erstmals ins Deutsche übersetzte Essays von Honoré de Balzac. Der Autor ist ein Freund drastischer Formulierungen. „Ich nenne Rußland eine vom Alkohol aufrechterhaltene Autokratie“ ist eine davon. Der sich an Engholm und Konsorten erinnernde Leser wird bei den folgenden Zeilen juchzen: „Ich wage die Behauptung, daß die Tabakpfeife maßgeblich am Frieden in Deutschland beteiligt ist; sie beraubt den Menschen eines gewissen Anteils seiner Energie.“ Unnachahmlich seine Beschreibung eines jungen, sich die Krawatte bindenden Mannes. Die Lust an der Perfektion der Erscheinung, die Hingabe, mit der er elegant unter zwanzig Krawatten die aussucht, die dem Anlaß entspricht, den unerbittlichen Fleiß, den er aufbringt, um nach zahllosen Versuchen endlich den perfekten Knoten zu tragen, das ist nirgends plastischer geschildert worden als vom Meister der menschlichen Komödie. Und dann der wundervolle Schlußsatz, der dem ganzen noch einmal zwei Kicks gibt, durch die Balzac sich selbst übertrifft: „Man sah darin jene Leichtigkeit, jene Freiheit des Geistes, ohne die es keine Originalität gibt, und vor allem jene Glut der Seele, jenes lodernde Feuer, das später sich zu religiösem Eifer entwickelte und zu einer Berufung für das Kardinalsamt wurde.“ Die Sprünge von der Krawatte zur Freiheit des Geistes und von dort zum Kardinal macht jeder Leser ihm so behend nach, daß er die Ironie erst merkt, wenn er ihr schon auf den Leim gegangen ist. Es entsteht sogar der Verdacht, daß es dem Autor nicht anders ging.
Honoré de Balzac: „Caffee, Thee, Tabac“. Aus dem Französischen übersetzt und einem Nachwort von Gerda Gensberger. Manholt Verlag, 111 Seiten, 8 Schwarzweiß-Abbildungen, 26 DM.
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