: Videokonsument wird zum Täter
■ Kindermordserie in Japan löst Debatte über Porno- und Horrorwelle aus
Tokio (dpa) - Japans private Fernsehsender bringen seit Tagen vom frühen Morgen bis spät in die Nacht Berichte über ein grausiges Thema - einem 26jährigen Mann, der mit 6.000 Videobändern in einem 13 Quadratmeter großen Zimmer lebte und im Laufe des letzten Jahres nach seinem Geständnis mindestens drei kleine Mädchen ermordete. Ein Heer von Polizeibeamten ist dabei, sich die Bänder anzusehen - sehr viele sind unbeschriftet, und da der Mann eine Videokamera besaß, besteht der Verdacht, daß er seine eigenen Taten dokumentiert haben könnte.
Was die Polizisten sahen, war auch ohne die Entdeckung direkter Beweise fürchterlich genug: Der Kindermörder gehörte zu den zahllosen Videokonsumenten, die ständig auf der Suche nach immer härteren Porno- und Horrorfilmen sind. Er war Mitglied eines Klubs, in dem Bänder dieser Machart ausgeliehen, ausgetauscht und immer wieder kopiert werden. Darüber hinaus verfügte er über eine umfangreiche Sammlung von „Mangas“, dickleibige Comic-Strip-Bücher, in denen in Japan sadomasochistische Sexualität noch weit ungehemmter dargestellt wird als auf Videobändern.
Weil solche Mangas gezeichnet sind und keine lebenden Personen Modell stehen müssen, gibt es so gut wie überhaupt keine Hemmungen bei der Wahl der Sujets. Halbwüchsige Mädchen in Schuluniformen werden ständig von feisten Männern vergewaltigt. Wie in den Videos existiert nur eine einzige strikt überwachte Begrenzung: Schamhaare und Genitalien dürfen nicht zu sehen sein. Mit Überblendungen und Verzerrungen werden sie dem Blick des Betrachters entzogen. Gegen Brutalitäten dagegen gibt es praktisch keine Zensur.
Die Tokioter Regierung hatte Anfang dieses Jahres an die Videoproduzenten appelliert, eine freiwillige Selbstkontrolle zur Beschränkung von Sex und Gewalt einzuführen. Ob damit wirklich Grundsätzliches zu ändern ist, bleibt ungewiß. Im Schmuddelgewerbe mit Porno und Horror haben die Geschäftemacher noch immer Möglichkeiten gefunden, die Grenzen auszuloten, indem sie sie bewußt verletzen. Die Filme, die speziell auf den „Lolita-Komplex“ angelegt sind und Mädchen vor oder in der Pubertät zeigen, sind oft schlimme Beispiele dafür.
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