Verabschiedung Jan Feddersen : Linker Kritiker ohne Stillstand
Über drei Jahrzehnte war Jan Feddersen Redakteur der taz. Nun bleibt er freier Autor. Kollege Dirk Knipphals über einen konfliktbereiten Kreativen.
Foto: Jens Gyarmaty
Aus der taz | Keinesfalls jede Journalist*in schafft es ins Haus der Geschichte in Bonn, Jan Feddersen ist es gelungen. Eine von ihm mitverfasste Titelseite der taz hing dort, hinter Glas gerahmt, in der Abteilung über die sozialen Bewegungen, die auf die 68er gefolgt waren.
„Küsschen aus Karlsruhe“ lautete die Schlagzeile, und der von Feddersen geschriebene Kommentar trug die Überschrift „Ende eines Kulturkampfes“. Das Bundesverfassungsgericht hatte soeben die Homoehe durchgewunken.
Das war einer seiner vielen wuchtigen Artikel. Mann muss die gesellschaftlichen Errungenschaften festhalten, sonst werden sie einem wieder genommen.
Kein Stillstand
Nun ändert der 1957 Geborene seinen beruflichen Status von fest angestellt auf freier Autor – Bezeichnungen wie Rente oder Ruhestand werden, obwohl formal zutreffend, kaum passen.
Seine aus dem Stegreif gehaltene Rede bei seinem Abschied im Panoramaraum des taz-Gebäudes – kaum jemand kann frei so beeindruckend sprechen – klang jedenfalls nicht nach einem Zur-Ruhe-Setzen. Alles andere hätte einen bei seiner kreativen Energie auch gewundert. Als eine von vielen Aufgaben hat er etwa auch diese Rubrik betreut.
Reden wir nicht drumherum, dieser Statuswechsel ist alles andere als eine x-beliebige Personalie in der taz. Damit verschieben sich Gewichte.
Auf Konflikte zugehen
Zu Jans intellektuellem Projekt gehört es – neben dem Einsatz für den ESC und den Schlager, aber das muss man an dieser Stelle niemandem erzählen –, auf Konflikte direkt zuzugehen, auch auf Konflikte innerhalb der Linken. Das löste gelegentlich Skepsis aus. „Ist das denn noch links?“, wurde und wird immer mal wieder gefragt.
Doch als Teil linker Selbstverständigung war und bleibt diese Unruhe wichtig. Sie lässt sich als Selbstkritik der Linken lesen, und ohne Selbstkritik ist die Linke nicht zu haben.
Das Linke ist ja nicht vorhanden, um nur immer neu angewendet werden zu können, übergezogen wie ein Fußballtrikot. Es muss sich immer neu herstellen.
Vielleicht liegt hier auch ein Geheimnis des Überlebenswillens der taz. So viele linke Projekte haben sich über gegenseitige Verratsvorwürfe zerlegt.
Die taz aber macht weiter, das Weitermachen ist in ihrer DNA, und die hat Jan mitgeprägt. Im Raum steht jetzt also, dass wir das mit der Selbstkritik – oder, wem es lieber ist, Selbstreflexion – nun ohne ihn hinkriegen müssen.
Danke allen, die die „aus der taz“-Seite in der gedruckten taz über die Jahre seit 2009 gelesen und kommentiert haben. Niemand lügt nie, aber hier will ich mit heiligem Neukölln-Ernst ein „Isch schwör“ sagen: Auf alle Mails zu meiner Arbeit auch für diese Seite habe ich geantwortet, und wenn es, selten zwar, allzu beschimpfend wurde, blieb immer noch ein „Die einen sagen so, die anderen so“.
Die taz ist zu wichtig, als dass sie sich nur eine Auffassung von was auch immer leisten dürfte: Linkes Selbstverständnis ankert immer in der Idee, nicht richtigzuliegen – und also in Selbstbefragung zu gehen. Es war mir ein Vergnügen, aus den Maschinenräumen der taz berichten zu lassen, zu dem, was war, mehr noch zu dem, was wir vorhaben.
Die Pointe blieb und bleibt: We never walk alone – und die taz ist viel mehr als ihre Publizistik. Oder, um es mit der Philosophin Elizabeth II zu sagen: We will meet again!
Anmerkung der Redaktion: Jan Feddersen war seit 2009 redaktionell verantwortlich für die „aus der taz“-Seite in der gedruckten taz. Seine letzte Kolumne dort erschien in der wochentaz vom 29. August 2026 unter Dirk Knipphals Kommentar.