: Väter, feiert später!
Statt am Grill oder besoffen mit dem Bollerwagen verbringt unser Autor den Vatertag lieber mit seinen Kindern. Zumal der richtige Termin für ihn sowieso erst im Juni ist
Von Ulf Schleth
Nun kommt es wieder, das tolle lange Brückentagswochenende, an dem alle Ausflüge und kleine Miniurlaube planen. Fahrradfahrer*innen wissen, dass sie aufpassen müssen, wenn vor ihnen Grüppchen von Männern verschiedener Altersstufen auftauchen. Sie reagieren häufig unkoordiniert, sodass es angeraten ist, sie weiträumig zu umfahren. Im Vorfeld spricht eigentlich nie jemand darüber. Die meisten fragen: „Was machst du an Himmelfahrt?“ Erst wenn er da ist, sprechen die Menschen es aus: Es ist „Vatertag“. Dass das veraltete Christentum den Vatertag verbal überschattet, ist eigenartig, besonders in Berlin, denn hier haben laut Wikipedia Ende des 19. Jahrhunderts Brauereiunternehmer die deutsche Form des Vatertags ins Leben gerufen. Aus rein kapitalistischem Interesse. In Teilen der ostdeutschen Bundesländer wird der Vatertag etwas ehrlicher „Männertag“ genannt.
Ein nicht unerheblicher Teil der Männer macht an diesem Tag noch genau das, was sie immer gemacht haben: saufen, kotzen, Bollerwagen ziehen, grölen, die Sau rauslassen. Die älteren ziehen vielleicht nicht mehr los, sondern erledigen das im Garten unweit des Grills. Was für ein Feiertag: Christentum, Kapitalismus, Alkoholismus und toxische Männlichkeit – vier Geißeln der Menschheit feiern an einem Tag! Gut, manche machen andere, nicht ganz so dumpfe Dinge, aber immer noch vermeintliche Männersachen. Zum Glück nimmt diese Tendenz ab, trotz Incels und Manosphere stirbt der deutsche Vatertag langsam. Immer mehr Väter der gebildeten Mittelschicht machen an diesem Tag inzwischen auch „etwas mit der Familie“, sie sind ja modern. Manche betonen das aber so, als sei dies eine Ausnahme und eine besonders heldenhafte Leistung. In derselben Betonung, in der manche Männer von „Elternzeit“ sprechen.
Vor ungefähr 13 Jahren durfte ich andere Väter kennenlernen, die darauf keine Lust hatten. Gut, der Anlass war eher traurig, ein Rosenkrieg, in dem es auch darum ging, bei wem die Kinder wie viel Zeit verbringen dürfen. Ich weiß von betroffenen Freundinnen, dass die Väter in solchen Konflikten oft nicht die sind, die Verantwortung übernehmen wollen, aber da waren Väter darunter, für die es selbstverständlich war, das Kümmern um die Kinder in den Alltag einzubinden. Für die Elternzeit ein schlechter und viel zu kurzer Witz war. Die alles taten, um Arbeitszeit zu reduzieren, damit sie sich dauerhaft gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern können. Einige aus Umfeldern, in denen nicht über Feminismus nachgedacht wird und trotzdem haben sie daran gearbeitet, klassische Geschlechterrollen abzubauen.
Diese Typen haben den Vatertag Vätertag genannt und dann große Feste gefeiert. Nicht besonders gut besucht, weil die „normalen“ Väter das nicht so richtig verstanden haben, aber schön. Dafür haben sie ihn kurzerhand auf einen anderen Termin gelegt: den „internationalen Vatertag“ am dritten Sonntag im Juni. An diesem Datum feiern ihn eine ganze Reihe Länder, etwa Frankreich, die Niederlande, Tschechien, die Türkei und die Ukraine. Viele davon – um nicht zu sagen alle – sind weit davon entfernt, das Patriarchat abgeschafft zu haben, und meine Kinder sind jetzt groß, aber egal: Ich feiere diesen Tag immer noch als feministischen Vatertag. Meistens mache ich was Schönes mit den Kindern und wünsche, wenn ich welche treffe, überraschten Männern einen schönen Vatertag und dann reden wir über Sexismus, Geschlechterrollen und Politik.
Ein nonbinärer Elterntag würde wahrscheinlich viel mehr Sinn machen, oder die Abschaffung aller Elterntage, aber die Gesellschaft ist da offensichtlich noch lange nicht angekommen. Auf privater Ebene lässt sich also mehr bewirken, indem man die gewohnten Dinge einfach etwas anders macht. Das kommt bei manchen schräg an, aber bei anderen löst es auch positive Verhaltensänderungen aus, wenn man sie mitnimmt, statt sie vor den Kopf zu stoßen. Nicht zuletzt bei einem selbst. Und bei meinen Kindern. Wenn ich etwas sage, das aus meiner früheren Sozialisierung in diesem gefühlt vor 30 Jahren noch viel toxischeren Land stammt, beschimpfen sie mich als Sexisten oder Pseudofeministen. Irgendetwas scheint da nicht ganz schiefgelaufen zu sein.
Ich wünsche allen Männern einen wunderbaren Vätertag im Juni. Bitte geht vorher zu euren Vorgesetzten, falls ihr welche habt, und sagt ihnen, dass ihr von jetzt an mindestens 20 Prozent weniger arbeiten werdet. Zieht es durch. Auch wenn ihr dann beim Jobcenter aufstocken müsst. Kümmert euch in der Zeit empathisch um eure Familie. Setzt euch in der Schule für ein neues Fach ein: demokratische Werte, Klassismus und Gender-Studies. Ab der 6. Klasse. Spätestens. Besser eigentlich schon im Kindergarten. Mit etwas Glück müssen dann vielleicht die Kinder von heute in 50 Jahren gar keine albernen binärpädagogischen Feiertage mehr feiern. Ach, und Props an das Christentum: Es war nicht alles schlecht, was du verursacht hast. Danke für die vielen Feiertage und die karitativen Einrichtungen!
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen