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„Utopie ist erreichbar“

Anlässlich ihres Jubiläums geben die Jenenser Ultras von „Horda Azzuro“ ungewöhnliche Einblicke. Ein Gespräch über Anti-Haltung, „Mentalità Ultra“ und Protest

Interview Gustav Cattapan

taz: Herr Schley, Herr Ringmayer, die Horda Azzuro zählt zur ersten großen Welle der ostdeutschen Ultra-Bewegung und feiert jetzt im Oktober ihr 25-jähriges Jubiläum. Was macht ein Ultra-Leben aus?

Toni Schley: Wir haben uns nicht von der Gründung der Gruppe an Ultras genannt, und da bin ich stolz drauf. Ultra – das ist was Magisches, ein Wort, das etwas besonders Schützenswertes ausstrahlt. Hätten wir uns zu früh so genannt, hätten wir den Begriff entzaubert und dieses Besondere wäre verloren gegangen. Ultras ist ein Bekenntnis zu einer gewissen Lebensweise, die man beweisen können muss. Nicht durch Worte, sondern durch sein Tun und Handeln.

Clemens Ringmayer: Ich habe rückblickend einige Jahre gebraucht, bis ich Ultras richtig verstanden habe. Ich kann zu jedem Spiel fahren, Choreos malen, Pyro zünden und Aufkleber verkleben. Aber das muss nicht heißen, dass man diese „Mentalità Ultra“ in sich trägt.

taz: Was heißt das?

Schley: Mentalità Ultra ist, wenn du dem Knast knapp entgehst, ein verlässlicher Ehepartner bist, deine Kinder erziehst, zur Lohnarbeit gehst, Freunde von dir versterben und du trotzdem jeden Tag das Gefühl in dir trägst, in und mit deiner Gruppe für deinen Verein etwas bewegen zu können und wollen. Wir kämpfen für ein Idealbild, wollen Wahnsinn und Wut in positive Werte kanalisieren.

taz: Was sind denn Ihre Werte?

Ringmayer: Einer der Hauptwerte ist Ehrlichkeit. Natürlich lüge ich auch Bullen ins Gesicht, aber ich behalte eine grundaufrichtige Haltung im Leben. Ultras sind selbstbewusst und durchsetzungsstark, wir nehmen die Dinge nicht einfach hin und akzeptieren sie. Wir lernen voneinander, was Solidarität ist und wie man zusammenhält. Ultra macht so viel bei der Charakterbildung, weil unser Leben so intensiv ist. Das hört auch nie auf. Es gibt aber nicht diesen einen Kodex – ich mag es, diese Freiheit zu haben, als Ultra zu handeln, wie ich das möchte und für richtig halte.

taz: Und was macht die Horda Azzuro aus?

Schley: Horda Azzuro ist eine Ultragruppe, die mit dem FC Carl Zeiss Jena einen Fußballclub unterstützt, der seine besten Zeiten hinter sich hat. Unsere Gruppierung führt die Südkurve Jena an und wir wollen uns mit anderen deutschen Ultragruppen und Kurven messen. Wir streben immer nach mehr und nach Größerem. Dazu sind wir gut organisiert, haben einen klaren politischen Anspruch und versuchen im Stadion, in unserer Stadt und unserer Region Verantwortung zu übernehmen.

taz: Wie lässt sich die Gruppe am besten beschreiben?

Schley: Die circa 65 Mitglieder unserer Ultragruppe sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Da ist vom arbeitslosen Bauarbeiter bis zum Doktor alles dabei. Akademiker und Arbeiter – Seite an Seite für den FC Carl Zeiss Jena.

taz: Wie sieht denn ein Leben als Ultra aus?

Ringmayer: Jedes Wochenende ist Fußball, das gibt schon mal einen gewissen Takt vor. Sonst malen wir Schwenkfahnen, Doppelhalter und Choreografien, denken uns Lieder und Stickermotive aus, organisieren Veranstaltungen, Fanmärsche und die Anfahrt zu den Spielen oder treffen uns einfach nur – immer mal wieder kommen Stadt, Verband oder Bullen mit Stadionverboten und Repressionen. Es gibt keinen Tag, wo wir uns nicht mit irgendwas befassen würden – 24 Stunden reichen eigentlich nicht aus.

taz: Wer macht welche Arbeit in der Gruppe?

Clemens Ringmeier

32, seit 2015 Mitglied von Horda Azzuro. Er studierte erst Heilerziehungspfleger und jetzt Erziehungswissenschaften.

Schley: Es gibt so viele Betätigungsfelder im Ultraspektrum, da kann jede und jeder sich austoben. Die eine malt lieber Züge für uns oder brütet stundenlang über einer neuen Choreo, der andere filmt unsere Auftritte für Youtube oder schreibt für unser Kurvenmagazin. Es gibt so einen Kern, der muss bei allen sitzen. Der Zusammenhalt, diese Ehrlichkeit und die Bereitschaft, die Menschen, Fahnen und Klamotten seiner Gruppe auch mit Gewalt zu verteidigen. Das ist indiskutabel, das gehört zur Ultrakultur mit dazu.

Ringmayer: Das öffentlich gezeichnete Bild von uns als besoffene, primitive, pöbelnde Fußballfans passt nicht. Inzwischen kann jeder sehen, Ultras sind ziemlich gut organisiert und erzeugen Woche für Woche immer imposanter werdende Bilder in den Kurven. Das würde alles nicht funktionieren, wenn da nicht schlaue und engagierte Köpfe dahinter wären. Wir beide trinken gar keinen Alkohol. Besoffen kannst du deinen Verein nicht in dem Maße unterstützen, wie wir Ultras uns das vorstellen.

taz: Gibt es ein gemeinsames politisches Selbstverständnis?

Schley: Wir verstehen uns als antifaschistisch. Wir haben dazu ein Leitbild, wo klar festgehalten ist, dass wir uns gegen Rassismus, Queerfeindlichkeit, Sexismus und weitere Diskriminierungsformen positionieren. Das wird auch nicht von allen FCC-Fans geteilt. Da muss man auch so ein bisschen die Ellenbogen ausfahren, um seinen Verein zu prägen.

Ringmayer: Wir haben politische Slogans oder Motive auf unseren Fahnen. In erster Linie sind wir aber Ultras und keine rein politisch aktive Gruppe.

Der Fußball soll sich nicht mehr ausbeuten lassen

Toni Schley

taz: In Ägypten und der Türkei haben organisierte Fußballfans in Protestbewegungen eine wichtige Rolle gespielt. Könntet ihr euch Ähnliches in Deutschland vorstellen?

Schley: In Deutschland sind wir von so was grundsätzlich weit entfernt. Wenn sich in ein paar Jahren die Politik so entwickelt hat, dass es den Leuten wirklich ans Eingemachte geht, dann könnten Ultras in Deutschland bei Protesten eine größere Rolle spielen. Wir sind gut organisiert, werden immer mehr und unterscheiden uns zu anderen sozialen Gruppen mit einer gewissen Radikalität. Bei Ultras in Deutschland steht aber eher der Kampf für einen besseren Fußball im Vordergrund.

taz: Was für einen Fußball wollen Sie?

Schley: Wir wollen einen Fußball, der frei von Diskriminierung ist. Der Fußball soll sich nicht mehr ausbeuten lassen. Ausbeutung bedeutet für mich hier, dass es private Interessen gibt, die den Fußball für sich nutzen, um ihre eigenen Taschen vollzumachen. Fußball ist ein Volkssport und nicht dafür geschaffen, in einem kapitalistischen System verwertet zu werden. Ich glaube nicht, dass wir erst den Kapitalismus abschaffen müssen, um den Fußball besser zu machen. Der Fußball könnte mit Kraftanstrengung der Ultras ein Beispiel dafür sein, dass kapitalistisches Grundinteresse in seiner Entwicklung gestoppt wird – ein Beispiel dafür geben, dass die Verwertungslogik ein Ende haben kann. Wir haben auch schon Dinge im Fußball verändert – das ist nicht alles Utopie. Und wenn doch, dann beweisen wir, dass vermeintlich utopische Zustände erreichbar sind.

taz: Mit der geschlossenen Fandemo fast aller Fanszenen gegen die Innenministerkonferenz in Leipzig, den Protesten gegen ausländische Investoren und dem Verhindern der Montagsspiele haben die Ultras immer wieder Dinge verhindert. Selbst zu gestalten, scheint deutlich schwieriger zu sein.

Tony Schley

40, gründete als einer von drei 15-Jährigen im Oktober 2001 Horda Azzuro. Aktuell arbeitet er für eine Krankenkasse und ist Vorsänger der Südkurve Jena.

Schley: Das ist ein großes Thema für uns Ultras: Wie können wir raus aus dieser reagierenden Position? Im Grunde sind wir bis dato nur getrieben von unserem Gegenpart – den Verbänden, dem Staat, der Polizei. Aber es ist erreichbar und möglich, ein proaktives Bild eines anderen, eines besseren Fußballs zu zeichnen und damit vor die Zeit zu kommen. Beginnend in unseren Vereinen und im nächsten Schritt vernetzt und gemeinsam als reifer Gegenpart der Krawatten.

Ringmayer: Es gibt schon Beispiele, wo Ultras selber agieren. Wir machen viel im sozialen Bereich, zum Beispiel in der Obdachlosen- oder Geflüchtetenhilfe. Horda Azzuro hat aktuell eine Ausstellung in Jena zum Jubiläum unserer 25-jährigen Gruppengeschichte, da geben wir ziemlich tiefe Einblicke in unsere Gruppengeschichte und das Leben als Ultra. Durch solche Aktionen kommen wir immer mehr in die Mitte der Gesellschaft, wollen aber gleichzeitig unseren Charakter nicht verlieren. Es ist ein zweischneidiges Schwert.

taz: Geht nicht diese Anti-Haltung des Ultras verloren, wenn man als Ultras mit Zeitungen redet?

Ringmayer:Ultras ist nicht Anti-Haltung, ich würde es eher oppositionelle Rolle nennen. Das kommt darauf an, wie wir es machen. Ich glaube aber nicht, dass wir unser Wertebild aufweichen. Ganz im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, wir als Gruppe und unsere Positionen werden stärker.