piwik no script img

Unterm Strich

Er hat länger gelebt als die Revolution, vor der er einst aus seiner Geburtsstadt Sankt Petersburg geflohen war. Der Pianist Nikita Magaloff war Schüler von Sergei Prokofjew, eine Lehre, die ihn vielleicht davor bewahrt hat, ein medienwirksamer Titan der Tasten zu werden. Magaloff blieb musikalischer Handwerker, stand deswegen stets ein wenig im Schatten der noch größeren Russen seines Fachs, Horowitz vor allem, er blieb ein Diener seines Instruments, scheute das gewagte Experiment und pflegte am liebsten Chopin und Mozart. Kurz nachdem die Bolschewiken gesiegt hatten, zog er zunächst nach Frankreich, der Zweite Weltkrieg trieb ihn dann in die Schweiz, wo er nach langer Krankheit am Weihnachtstag dieses Jahres im Alter von 80 Jahren gestorben ist.

Harry Kupfer, der ehemaligen DDR sicherster Kulturexport, möchte Berlin zur Opernstadt Europas machen: „Die Potenzen sind da.“ Zum Glück, sagte er Springers Welt weiter, besitze die Hauptstadt drei Opernhäuser. Allerdings drohe ihnen die finanzielle „Ausblutung“ durch den Berliner Senat, womit zugleich der „Lebensnerv einer ganzen Nation“ getroffen werde. Können wir's nicht kleiner haben, muß es nach dem Weltfrieden gleich die Nation sein, gar die Nationaloper aus der Hand des Regisseurs, der dem letzten Schmachtfetzen irgendeinen sauberen Politsinn unterschoben hat?

Endlich dürfen auch Franzosen und Französinnen einen Blick auf Egon Schieles Akte werfen. Sie konnten es noch nie, wenigstens nicht auf die Originale, sogar Reproduktionen sollen weitgehend unbekannt gewesen sein. Womöglich fanden die Pariser den Wiener Sex nicht besonders aufregend, immerhin konnten sie Schiele im Rahmen von Gruppenausstellungen 1984 und 1986 begutachten, sie scheinen ihn aber glatt übersehen zu haben. Deswegen hat nun das österreichische Kulturinstitut amerikanische Sammler gebeten, ihre Schieles-Erotika („von entblössender Expressivität“) nach Paris auszuleihen. Im „Musee-Galerie de la Seita“ sind sie nun bis zum 27. Februar 1993 zu sehen.

Der Trojanische Krieg war ein Handelskrieg. Wir ahnten es schon, Helenen sei's geklagt, nun wissen wir es aber ganz genau. Mit Hilfe der Massenspektrographie haben Wissenschaftler der Universität Tübingen sogenannte „isotopische Fingerabdrücke“ auf troischen Tonscherben festgestellt. Das Tübinger Institut für Mineralogie und Petrochemie kann sogar die Lage der Lehmgruben ermitteln, aus denen das Rohmaterial der troischen Krüge und Vasen gegraben worden sein muß. Haltet den Dieb: das Geschirr stammte meist aus Zypern und aus dem griechischen Argolien. Handelsbeziehungen im ägäischen Raum lassen sich so bis ins dritte vorchristliche Jahrhundert beweisen, friedlich waren sie nicht immer, wie bei Homer nachzulesen, wurde etliches an Porzellan zerdeppert.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen