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Besuch bei „La diaria“

Zu ihrem 25. Geburtstag unterstützte die taz Genossenschaft vier internationale Zeitungsprojekte. „La diaria“ aus Montevideo war eines davon.

Besuch bei La Diaria Bild: Erik Peter

von ERIK PETER und KATHARINA SCHIPKOWSKI

Manchmal scheint in Uruguay die Zeit stehen geblieben zu sein. In der Hauptstadt Montevideo geht vieles langsamer als in der Schwesterstadt Buenos Aires auf der anderen Seite des Flusses Río de la Plata. Aber Montevideo ist im Umbruch.

In den engen Gassen der Altstadt, die an drei Seiten vom Wasser umgeben ist, ist der Wandel zu sehen. Noch sind viele Häuser verfallen, nachts ist die Gegend gefährlich. Doch tagsüber bevölkern junge Menschen und Tourist*innen die neu eröffneten Galerien und vegetarischen Restaurants. Seit August 2017 hat auch die Tageszeitung La diaria ihren Sitz mitten in der Altstadt.

Außen am Gebäude weist nur ein kleines blaues Schild auf den Redaktionssitz der zweitgrößten uruguayischen Tageszeitung hin. Die linke Zeitung ist so etwas wie die uruguayische Cousine der taz. Zum 20. Geburtstag der taz-Genossenschaft 2012 bekam die damals noch junge La diaria zusammen mit drei anderen genossenschaftlich organisierten Zeitungsprojekten eine Finanzhilfe. 73.928 Euro hatten die taz-Genoss*innen gespendet. Heute, sieben Jahre später, steht La diaria in vielerlei Punkten ähnlichen da wie die taz. Sie hat nicht nur ein neues Haus bezogen – größer und günstiger als das alte – auch befindet sie sich im Umbruch auf dem Weg ins Zeitalter nach der Papierzeitung.

Chefredakteur Marcelo Pereira kommt am Nachmittag mit dem Fahrrad in der Redaktion an. Auf dem Rücken trägt er einen roten taz-Rucksack, den er noch von seinem ersten Berlin-Besuch vor vielen Jahren hat. Zusammen mit José Gabriel Lagos, dem Leiter der Wochenendredaktion und des monatlichen Magazins „Lento“, führt er die taz-Kolleg*innen durch das dreistöckige Haus. „Wir haben hier sehr viele Klimazonen“, sagt Pereira. Im Januar, dem uruguayischen Hochsommer, ist es im Newsroom, wo etwa 20 Redakteur*innen eng beieinander sitzen, ziemlich heiß. Pereira führt uns in einen etwas kühleren Raum, gießt Wasser in eine Matekalabasse und reicht sie herüber.

„Ein bisschen problematisch“

Hinter ihnen liegt ein Jahr, das „ein bisschen problematisch“ war, wie Pereira mit leicht verschmitztem Lächeln sagt. Kurz hintereinander stemmten sie zwei Großprojekte, unterzogen Zeitung und Webauftritt einem Relaunch. Das gedruckte Blatt ist nun etwas kleiner, mehr quadratisch als hochkant, und hat dafür mehr Seiten bekommen. Inhaltlich habe man sich ein bisschen mehr der Wochenendausgabe angenäht, so Lagos. Die Onlineseite ist auf dem neuesten Stand, konzentriert sich ohne viel Ablenkung auf das Wesentliche: die Artikel.

Anders als bei der taz ist das Angebot hier nicht gänzlich frei zugänglich. Kostenlos sind nur die ersten zehn Artikel im Monat. Immer mehr Leser*innen entscheiden sich trotzdem für das Online-Abo, das umgerechnet etwa zehn Euro monatlich kostet. „So viel wie Netflix“, sagt Pereira.

Alle Leser*innen können sich außerdem für thematische Newsletter anmelden, etwa zu Feminismus, Bildung, Arbeit oder Wissenschaft. Wöchentlich erstellen RedakteurInnen eine Übersicht über Texte und Ereignisse des jeweiligen Themenfeldes. Entwickelt wurden die Newsletter zusammen mit Expert*innen aus den verschiedenen Bereichen. „Wir haben uns dadurch ein ganz neues Segment Leser*innen erschlossen, etwa Ärzt*innen und Lehrer*innen“, sagt Lagos.

Großen Widerhall findet besonders der Newsletter und die Berichterstattung von La diaria über feministische Themen. Als vergangenes Jahr eine breite gesellschaftliche Bewegung im Nachbarland Argentinien vergeblich die Legalisierung von Abtreibungen forderte, war La diaria eine viel gehörte Stimme, schließlich konnte die Zeitung aus Uruguay berichten, wo Abtreibungen seit fünf Jahren erlaubt sind. Zukünftig wolle man verstärkt spanischsprachige Leser*innen außerhalb Uruguays ansprechen, sagt Lagos.

Trennung in Print- und Onlineredakteure gibt es nicht

Aktiv ist die Zeitung auch bei Whatsapp – ein Vertriebsweg, der in Deutschland kaum erschlossen, in Südamerika aber gängig ist. Morgendliche Nachrichten kommen direkt auf die Mobiltelefone der Interessierten und informieren über die Themen des Tages. Bespielt wird auch dieser Kanal direkt aus der Redaktion, eine Trennung in Print- und Onlineredakteure gibt es bei La Diaria nicht mehr.

Anders als bei der taz können der Genosenschaft von La diaria ausschließlich die Mitarbeiter*innen der Zeitung beitreten. In der 2010 gegründeten Produktionsgenossenschaft werden die wichtigsten Entscheidungen über die Zukunft der Zeitung demokratisch getroffen. Die Generalversammlung ist die höchste Entscheidungsinstanz, sie wählt den Vorstand, kann ihn absetzen und auch seine Entscheidungen überstimmen.

Im vergangenen Jahr stieß die Versammlung die Umschuldung der Zeitung an. Kredite bei Banken wurden abgelöst – mithilfe von vielen Unterstützer*innen. 400.000 Dollar liehen sie ihrer Zeitung. Weil die Banken nur wenige größere Kapitalgeber statt vieler kleiner akzeptierten, legten die Freund*innen der Zeitung ihr Geld zusammen – ein großer Vertrauensbeweis für La diaria.

„Wir identifizieren uns mit der Linken“

Um ihre politisch Positionierung machen Pereira und Lagos keinen Hehl. „Wir identifizieren uns mit der Linken“, so der Chefredakteur. Uruguays Regierung ist seit dem Jahr 2005 fest in der Hand des linken Parteienbündnisses Frente Amplio; besonders Ex-Präsident José „Pepe“ Mujica genießt auch international viel Anerkennung. Befreundet sei man mit der Regierung aber nicht, betont Lagos: „Wir machen Journalismus.“

Für die Parlamentswahl im kommenden Oktober hat La diaria eine Allianz mit anderen uruguayischen Nachrichtenredaktionen geschmiedet. Zusammen wollen sie ein Factchecking-Team bilden, um die Aussagen der Politiker*innen vor der Wahl noch genauer unter die Lupe zu nehmen. So soll verhindert werden, was im Nachbarland Brasilien passiert ist: der ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro verdankt seinen Wahlsieg unter anderem einer infamen Fake-News Kampagne, in der er etwa Angst vor Homosexuellen verbreitete.

Wie alle gedruckten Zeitungen hat auch La diaria mit dem Rückgang der Print-Auflage zu kämpfen. Im vergangenen Jahr seien die Zahlen der Werktagsausgaben stark eingebrochen, sagt Pereira – wobei der Rückgang prozentual immer noch kleiner sei als bei anderen Zeitungen, etwa der größten Zeitung des Landes, der konservativen El País.

Immerhin ein Problem, das der taz Kopfschmerzen bereitet, hat La diaria nicht: Während die taz auf den immer teurer werdenden externen Vertrieb angewiesen ist, um die Zeitung zu den Leser*innen zu bringen, nimmt La diaria ihren Vertrieb selbst in die Hand. Sie ist nur im Abo erhältlich und wird von La diaria-Angestellten verschickt. Eine Absicherung für den Fortbestand der Zeitung sei das aber nicht: „Nur noch 2.000 Zeitungen zu verschicken, würde sich nicht mehr lohnen“, sagt Pereira.

Dass die gedruckte Ausgabe komplett verschwindet, glauben Pereira und Lagos dennoch nicht. Wohl aber, dass die Papierausgabe teurer wird und auch nicht mehr täglich erscheint. „Ein Luxusprodukt“, erklärt Pereira und ergänzt: „Für Schallplatten gibt es ja auch einen Markt.“ Wann das passieren wird, könne man jetzt noch nicht wissen, sagt Lagos. Aber sie seien entspannt: In dem kleinen Land passieren die Dinge gemächlich – Entwicklungen, die anderenorts schon im Gange sind, kommen in Uruguay zehn oder 20 Jahre später an.