Uno-Berater Lemke über Fußball: „Wir setzen auf Nachhaltigkeit“

Seit vier Jahren ist Willi Lemke Sonderberater des UN-Generalsekretärs. Mit der taz spricht er über Kopftücher im Fußball, afrikanische Vorbilder und geringe Budgets.

Die Fifa erlaubt zukünftig das Tragen von Kopftüchern auf dem Fußballplatz. Bild: dpa

taz: Herr Lemke, das International Football Association Board hat entschieden, dass das Kopftuchverbot auf Fußballplätzen aufgehoben wird. Ist das ein persönlicher Erfolg für Ban Ki Moons Sportberater Lemke, der sich für die muslimischen Fußballerinnen stark gemacht hat?

Willi Lemke: Es ist ein großer gemeinsamer Erfolg im Hinblick auf die konservativen Kräfte im Weltfußball. Von den 325 Millionen muslimischen Frauen weltweit tragen schätzungsweise die Hälfte ein Kopftuch. Für mich war das ein riesiger Widerspruch, dass wir diese Frauen einerseits unterstützen, weil sie sich oft gegen ihre Familien durchsetzen mussten, um Fußball spielen zu können – und dann können sie auf internationaler Ebene nicht auflaufen.

Was hat die eher beratungsresistente Fifa zum Einschwenken bewogen?

Das Hauptverdienst liegt natürlich bei Prinz Ali von Jordanien, der als einer der Fifa-Vizepräsidenten seine Variante eines Hijab mit Klettverschluss präsentieren konnte.

Der SPD-Politiker und ehemalige Fußballmanager ist seit vier Jahren Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung. Er war von 1981 bis 1999 Manager von Werder Bremen und ist seit 2005 Aufsichtsratschef des Klubs. Von 1999 bis 2009 war er Mitglied des Bremer Senats zunächst als Bildungs-, später als Innensenator.

Die Aufhebung des Verbotes, so schrieben Sie, würde die Botschaft aussenden, dass jede Spielerin die Freiheit hat, zu entscheiden, ob sie das Kopftuch trägt. Geht es hier nicht eher um knallharte religionsstaatliche Vorschriften?

Ich habe mich doch nicht für ein bestimmtes Land, sondern für die Millionen Kopftuch tragenden Frauen in aller Welt eingesetzt. Wir bestärken damit gerade auch die Länder, die den Frauen die Entscheidung selbst überlassen, sich so zu kleiden, wie sie es für richtig halten.

Sie sind seit vier Jahren Ban Ki Moons Sonderberater für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung. Was haben Sie noch erreicht?

Eine Arbeit, die vielleicht beispielhaft ist, sind die Youth Leadership Camps mit jungen Erwachsenen aus den Slums und Townships in der Subsahara, die ich vor vier Jahren ins Leben gerufen habe.

Ihr Programm der African Role Models.

Mit diesen Trainingscamps, die Bildungsinhalte vermitteln und praktische Führungsfähigkeiten im Bereich Sport für Entwicklung fördern, möchte ich innerhalb von zehn Jahren 1.200 junge Leute aus den ärmsten Regionen als sportliche Vorbilder ausbilden.

Weltweit 1.200 Vorbilder innerhalb von zehn Jahren nicht – das klingt nicht gerade sehr anspruchsvoll.

Das sagen meine Freunde in Bremen auch immer: „Mensch Willi, 1.200 von Milliarden. Das ist es doch nicht!“ Aber wir setzen auf Nachhaltigkeit und Multiplikatoren. Es geht um junge Männer und Frauen, die sich in den Slums – beispielsweise auch in Gaza – unter den grausamsten Bedingungen engagieren. „Aber einen Master haben diese Leute doch?“, wurde ich oft von Sponsoren und Förderinstitutionen gefragt. Man konnte sich nicht vorstellen, dass diese Leute ohne jede Vorbildung kommen. Nach dem Workshop-Teil treten die Teilnehmer dann beispielsweise in gemischten Mannschaften an – und nur die Mädchen dürfen die Tore schießen. Plötzlich spielen die Jungs, die immer nur auf eins aus waren, darauf Torschützenkönig zu werden, mannschaftsdienlich. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Bewusstseinsänderung das bedeutet! Statt eines unerreichbaren Didier Drogba sollen die 250 Millionen Jugendlichen in Afrika in Zukunft diesen Jungs nacheifern.

Die UN ist oft ein zahnloser Tiger. Probieren Sie es hier mit der gleichen Methode wie bei Werder: mit der Gewalt einer Moralpolitik, die immer ein bisschen anständiger daherkommt als die anderen?

Natürlich ist die Arbeit in der UN aufgrund der vielen Vorschriften, Vorgaben und des sehr geringen Budgets nicht gerade leicht. Und sicher mache ich hier auch manche Dinge anders als andere: Ich will über die Deklarationen und Resolutionen hinaus Dinge implementieren! Und wenn ich in Malaysia von zwei 12-jährigen birmanischen Mädchen angesprochen werde, denen Gefängnis droht, weil sie von der Regierung den Flüchtlingsstempel nicht bekommen haben, der ihnen tatsächlich zustehen mag, dann habe ich keine Scheu, meinen UN-Kollegen vor Ort zu sagen: „Bitte kümmert euch darum!“ Das kann man dann vielleicht mit Werder vergleichen.

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