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Universalgelehrter Handverkäufer Richard Nelson French | 1938-2023

30 Jahre lang hat er taz und LMd unter die Leute gebracht. Für viele Käufer:innen, denen er dabei begegnete, wurde er zum Gesicht der taz. Die Liebe zur Literatur ließ ihn einst das Silicon Valley gegen Europa eintauschen. Sie machte ihn zum Universalgelehrten.

taz Hall of Fame | Der sympathische und eigenwillige Handverkäufer der taz und von Le Monde diplomatique in Berlin, Richard N. French, ist verstorben. Er hat mehr als drei Jahrzehnte lang allabendlich von Schöneberg startend, die Institutionen und Leser*innen hauptsächlich in Wilmersdorf und Charlottenburg mit der taz-Ausgabe und monatlich auch mit Le Monde diplomatique versorgt.

Wirte, Stammkund*innen und treue Leser*innen der taz in den Institutionen, Restaurants, Cafés und Kneipen (des alten Westens) kannten ihn als Gesicht der taz. (Er erzählte, dass einige der prominenten grünen Politikerinnen ihm gerne eine taz abkauften, selbst wenn sie über ein Abo verfügten.)

In den ganzen Jahrzehnten ist an Fehltagen vermutlich kaum eine ganze Woche zusammengekommen – eine schwerwiegende Panne, ein Unfall, eine Kurzreise übers Wochenende – rare Ausnahmen. Wenn er es im Voraus wusste, kümmerte er sich um Vertretung und oft übernahm er auch die Vertretung seiner Kolleg*innen, wenn sie verhindert waren oder Urlaub machten.

Ein Polymath mit taz und LMd auf dem Fahrrad unterwegs

Anfang November 2019 tauchte er plötzlich nicht mehr auf. Eine bis zu jenem Zeitpunkt nicht bemerkte, jedoch schon sehr weit fortgeschrittene Krebserkrankung verhinderte die Fortsetzung der abendlichen Touren Auf dem Fahrrad.

Nach Beratungen mit verschiedenen Ärzten entschied er sich zu einer ambulanten Therapie. Seine hervorragende Konstitution, seine Willensstärke und einige kluge Entscheidungen haben ihm danach noch vier gute, lebenswerte Jahre ermöglicht.

Unermüdlich widmete er diese Zeit weiterhin dem Studium seiner geliebten Bücher, dem Kanon der Literatur, der Philosophie und der Werke Shakespeares im Besonderen und stellte noch eine umfangreiche digitale Bibliothek zusammen.

Ausstieg aus dem Silicon Valley

Um all dies endlich tun zu können, war er vor etwa vier Jahrzehnten aus seinem früheren Leben als Ingenieur der Computertechnik im boomenden Silicon Valley ausgestiegen und nach Europa aufgebrochen. Die erste Station seiner Reise war Helsingör, Schauplatz von Shakespeares Hamlet; Paris, London, München und Berlin folgten.

In seinen letzten Stunden entfernte er sich ganz allmählich in Seelenruhe und Frieden immer weiter von dieser Welt. Entgegen allen Vorhersagen und Befürchtungen blieben ihm wunderbarerweise physische Qualen, Ängste und Kämpfe erspart. Er war bis zuletzt Autor seines Lebens. 🐾

Cherishing every moment we shared

Me, myself and I are all in love with him

D

🐾 Dieser Nachruf erschien zuerst am 13. Dezember 2023 im Hausblog der taz. Die:der Autor:in des Nachrufs sind nicht bekannt. Im entsprechenden Hausblog-Beitrag findet sich dafür zum Abschluss auch noch das „Sonett 66“ von Shakespeare.

🐾 Unser Kollege Richard Nelson French ruht heute in der taz-eigenen Grabstätte des Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.