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Entschuldigung, dürfen wir Sie was fragen?“
Die beiden jungen Männer Anfang zwanzig haben in der U-Bahn schon die ganze Zeit getuschelt und neugierig zu uns rübergeschaut. Zwei so coole Schnittchen, aber sie verstehen wohl nicht, was Leute in unserem Alter um zwei Uhr morgens in der U-Bahn machen. So was haben sie noch nie gesehen.
Hä??, denkt es in ihnen, k. A. (sprich: „käy – äy“), warum sind die jetzt nicht in ihrem Heim oder so? Das ist doch verantwortungslos. Wir gefährden unnötig uns und andere. Fallen mit einem Herzinfarkt vom Sitz und sie müssen uns Mund-zu-Mund beatmen. Und dann spucken wir ihnen unsere Gebisse entgegen. Oder wir rasten irgendwie aus, und schlagen sie mit unserem Krückstock.
Aber vielleicht, so werden sie denken, ist das ja auch irgend so ein Seniorensonderevent: Nacht der offenen Friedhöfe, dia de los muertos, Allerseelen, Mitternachtsbingo, was auch immer. Falls das ihre Frage sein sollte, kann ich ihnen ja erzählen, dass wir auf einer Party von alten Freunden waren. Und jetzt sind wir hier. Auf dem Rückweg.
Was das Ganze soll, frage ich mich allerdings auch selbst. Denn zu dieser späten Stunde gehören wir natürlich längst ins Bett. Klar, früher kannte ich das auch, dass man jede Nacht unterwegs war, und in den Öffis lustige oder bescheuerte oder auch mal unschöne Erlebnisse oder Gespräche mit wildfremden Leuten hatte.
Draußen ist es zu gefährlich
Jetzt bleiben wir normalerweise brav zu Hause. Alles andere ist viel zu gefährlich, wenn man den Kommentaren aus Sachsen oder dem Saarland glauben möchte, die unter jedem Artikel über Berlin stehen: Demnach ist es dort nach Einbruch der Dunkelheit unmöglich, auf die Straße zu gehen, oder gar die U-Bahn zu benutzen. Man wird sofort umgebracht, beraubt oder sonst wie angequatscht. Das gelte vor allem für Frauen, wird in einem Ton geraunt – als sei das früher anders gewesen. Dabei wurde damals jede Woche eine Anhalterin ermordet, und nein, nicht von Geflüchteten.
Aber womöglich ist ja doch was Wahres dran, und deshalb gehen wir im Grunde gar nicht mehr raus. Vorsicht ist die Mutter der Mottenkiste. Auch werden wir schnell müde und wollen kein Fernsehen verpassen. Heute ist wirklich eine Ausnahme.
„Fragt nur, Kinderchen“, sage ich mild, damit sie nicht wütend oder traurig werden. „Wir haben uns gefragt, ob Sie verheiratet sind?“
Exotische Lebenswelten
Wir bejahen. Unsere Lebenswelt muss auf sie genauso fremd und exotisch wirken, wie ihre auf uns. Was ich komisch finde, weil sie doch garantiert schon mal Kontakt zu einer älteren Person gehabt haben. Was ist denn zum Beispiel mit ihren eigenen Großeltern? Offenbar fällt ihnen das Fragen bei Fremden leichter.
„Und seit wann sind Sie verheiratet?“
Sehr geschichtsinteressiert. Trotzdem weiß ich gar nicht, warum wir hier alles so bereitwillig beantworten: „Seit fünf Jahren.“
Jetzt rechnet es in ihnen noch angestrengter: Öhmm, hundertelf plus hundertneunzehn, null an, eins im Sinn, sind, weiß nicht, aber in jedem Fall krass viel. Das lohnt sich doch gar nicht mehr. Geht das denn dann noch, und ist das überhaupt erlaubt? Ich merke, dass sie das nun endgültig überfordert. Die schrulligen Alterchen hier ficken komplett ihr Hirn. Hinter ihren Stirnen formen sich Erklärungsansätze: Sterbebett, Nottrauung, so was.
„Warum so spät?“, fragt schließlich der eine, und ob wir Lehrer wären – das hätten sie beide geraten. „Wow, versenkt, Sport und Latein“, lobe ich sie, aber leider wollen sie dann, dass ich was auf Lateinisch sage und Klimmzüge an der Haltestange mache. Zum Glück kommt unsere Station, und ich sage, „sorry, excusate, aber beim nächsten Mal gern.“
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