Überraschende DIW-Studie: Deutsche wieder etwas gleicher

Die Agenda 2010 sorgt für Gerechtigkeit - meint das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Neue Zahlen zeigten, dass die Armut sinkt. Kritiker bezweifeln das.

Was die Demonstranten bloß haben - laut DIW wird durch die Agenda 2010 doch alles gerechter... Bild: dpa

BERLIN taz Ein Bündel guter Nachrichten hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Dienstag zu verkünden: Die Kluft zwischen Arm und Reich schließt sich. Erstmals seit dem Mauerfall hat die Lohnspreizung nicht mehr zugenommen. Auch der Trend zur Niedriglohnarbeit ist gestoppt. Die Debatten um Mindestlöhne und Korrekturen an der Agenda 2010 könnten beendet werden, meinte DIW-Präsident Klaus Zimmermann bei der Vorstellung von zwei neuen Studien in Berlin.

Die Zahlen überraschen. Bisherige Studien waren übereinstimmend von einer wachsenden Ungleichheit im Land ausgegangen. Der aktuelle Armuts-und Reichtumsbericht der Bundesregierung dokumentierte, dass die Arbeitnehmer in Deutschland immer weniger in der Tasche haben. Forscher der Uni Duisburg-Essen beobachteten in einer Studie Ende August einen wachsenden Niedriglohnsektor - der auch die mittleren Einkommenssegmente nach unten ziehe. Sogar das DIW schlug im Frühjahr noch Alarm: Die Mittelschicht zerbröckelt, die Ungleichheit wächst.

Nun also doch nicht? Das überraschende Ergebnis kommt laut DIW vor allem dadurch zustande, dass erstmals Einkommensdaten aus dem Jahr 2006 berücksichtigt wurden - also aus der Aufschwungphase. Der Anteil der Haushalte, die von Armut bedroht sind, liegt im Aufschwungsjahr 2006 demnach bei nur noch bei 16,5 Prozent. Im Armutsbericht der Bundesregierung, der auf älteren Daten beruhte, war der Anteil noch mit rund 18 Prozent angegeben. Erfasst wird dabei die relative Armut: Als gefährdet gelten Haushalte, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens verfügen.

"Entscheidend für das Ergebnis war der Abbau der Arbeitslosigkeit", sagte Zimmermann. Die Reformen der vergangenen Jahre hätten dazu geführt, dass Problemgruppen wieder einen Job finden konnten. "Damit ist zumindest ein Teil der Aussage widerlegt, dass die Menschen nicht vom Aufschwung profitiert hätten", so Zimmermann.

Andere Wissenschaftler sind skeptisch, ob die Daten wirklich eine Trendwende markieren. "Es ist ein kleiner Rückgang, der noch nicht viel bedeutet und zweifellos konjunkturell bedingt ist", urteilt der Verteilungsforscher Claus Schäfer von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die Unternehmensteuerreform würde etwa in den kommenden Jahren dazu führen, dass die Einkommensspreizung weiter zunehme. "Die oberen Einkommen eilen davon."

Auch für den Niedriglohnbereich sieht Schäfer längst keine Entwarnung. "Dass das Wachstum der schlecht bezahlten Jobs gestoppt ist, heißt nicht, dass das Problem nicht vorhanden ist."

Zur Zurückhaltung mahnt die Armutsforscherin Petra Böhnke vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. "Die Armutsdiskussion ist mit Vorsicht zu genießen." Kleine methodische Änderungen könnten die Ergebnisse stark beeinflussen.

Der Armutsexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Wolfgang Strengmann-Kuhn, weist darauf hin, dass das mittlere Einkommen, an dem sich die Armutsdefinition bemisst, gesunken ist - trotz Konjunkturaufschwung. 14 Millionen Personen lebten derzeit unterhalb der Armutsgrenze, 4 Millionen mehr als 2000.

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