Übernahme von Twitter: Er mag keine Regeln

Der Autohersteller Tesla hat Elon Musk reich gemacht, das Raumfahrtunternehmen SpaceX berühmt. Nun will er sein liebstes Spielzeug kaufen: Twitter.

Elon Musk mit erhobenem Zeigefinger

Elon Musk, selbst passionierter Twitternutzer, betreibt den siebtgrößten Twitteraccount der Welt Foto: Jim Watson/afp

Als vor vier Jahren eine jugendliche Fußballmannschaft in den Tiefen eines weitverzweigten Höhlensystems in Thailand eingeschlossen war, fieberte die Welt ihrer Rettung entgegen. Elon Musk bot seine Hilfe an. Mithilfe eines ferngesteuerten Mini-U-Boots sollten die Jungs die unter Wasser liegenden Höhlengänge passieren. Ein Plan, der viel Aufmerksamkeit auf sich zog – und die einhellige Kritik aller beteiligten Fachleute. Einer davon, der britische Taucher Vernon Unsworth, der direkt an den Rettungsarbeiten vor Ort beteiligt war, nannte Musks Angebot einen „PR-Stunt“. Musk war außer sich und bezichtigte Unsworth in einer Reihe wütender Tweets der Pädophilie.

Musk entschuldigte sich später und löschte die Tweets. Dennoch gibt diese Episode einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt von Elon Musk und sein Verhältnis zu Twitter. Den Dienst, den er für umgerechnet 41 Milliarden Euro kaufen will. Dass die mit Abstand größte Tech-Übernahme der Geschichte durch einen Privatmann statt durch eine Firma geschieht, sagt etwas über unsere Zeit aus. Aber auch über Elon Musk.

Berührung mit der Realität

Musk wuchs in Südafrika als Sohn eines reichen Minenbesitzers auf. Neben dem sorgenlosen Lebenswandel erbte er auch die Gewinnerhautfarbe im damaligen Apartheidsregime. Keine Ideal­bedingungen, um zu lernen, dass Regeln auch für einen selbst gelten sollten. Nach seinem Studium in Kanada und dem anschließenden Umzug in die USA sah es kurzeitig so aus, als würde er doch noch in Berührung mit der Realität kommen. Musk arbeitete hart an der Gründung seines ersten Start-up Zip2 und verdiente wenig. Doch der Verkauf von Zip2 machte ihn schon mit 28 zum Multimillionär. Das Timing war günstig: Im Jahr darauf platzte die Dotcomblase.

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Musks zweite Firma, X.com, sollte Zahlungen im Internet abwickeln, fusio­nierte dann mit einer ähnlichen Firma von Peter Thiel und wurde zu PayPal. Der Verkauf an Ebay 2002 machte alle Beteiligten zu hundertfachen Millionären und begründete die „PayPal-Mafia“, ein informelles Netzwerk von mächtigen Investoren und Gründern, zu denen neben Musk und Thiel (erster Investor von Facebook und Gründer von Palantir) auch Reid Hoffman (Gründer von LinkedIn), Chad Hurley (Gründer von Youtube) und viele andere gehören. In den nuller Jahren dominierte die PayPal-Mafia die Entwicklung der sozialen Medien.

Nur Elon Musk gründete erst mal die Raketenfirma SpaceX, die es sich zum Ziel setzte, den Preis von Weltraummissionen zu drücken. Das gelang tatsächlich, unter anderem mit landefähigen Raketen. Ein Erfolg, der viel zu Musks heutiger Popularität beigetragen hat.

Sein zweiter, noch größerer Erfolg ist die Etablierung der elektrischen Automarke Tesla. Musk hat Tesla nicht gegründet, sondern nur eingekauft und er hat auch keine der wesentlichen Technologien erfunden. Es ist ihm aber durch geschicktes Marketing und eine strategisch kluge Produktentwicklung gelungen, dem elektrischen Auto zu einem echten Durchbruch zu verhelfen.

Musks unternehmerischer Erfolg ist erstaunlich und manchmal unheimlich. Der hohe Kurs der Tesla-Aktie ist der wichtigste Grund für Musks Reichtum. Die ungeheure Marktkapitalisierung des Unternehmens – aktuell eine knappe Billion Dollar – ist schwer zu erklären. Tesla musste die zehn nächstgrößeren Autohersteller der Welt komplett ersetzen und dann noch ordentlich wachsen, um diesen Investorenerwartungen zu entsprechen. Dabei verkauft Tesla derzeit nicht mal eine Million Fahrzeuge im Jahr. Allein VW verkauft zehnmal so viele.

Musk hat siebtgrößten Twitteraccount

Der Bloomberg-Kolumnist Matt Levine hat die sogenannte Elon-Markt-Hypothese aufgestellt: „So wie der Finanzmarkt derzeit funktioniert, berechnet sich der Wert von Anlangen nicht nach ihren Einnahmen, sondern nach der (assoziativen) Nähe zu Elon Musk.“ Das gilt nicht nur für den Aktienmarkt, sondern auch für Musks Engagement in Kryptowährungen. Sein Hypen und Fallenlassen von Bitcoin und Dogecoin führte immer wieder zu enormen Kursschwüngen, auch wenn dieses Engagement hauptsächlich aus wenigen nur halb ernstgemeinten Tweets bestand.

Twitter ist für Elon Musk überhaupt so vieles: Werbeplattform für seine Unternehmen, Selbstvermarktungstool, Finanzmarktmanipulationsvehikel. Doch in allererster Linie ist es Musks liebster Zeitvertreib. Er selbst ist passionierter Twitternutzer und betreibt den siebtgrößten Twitteraccount der Welt.

Doch nun will er sein Spielzeug für sich haben. Dafür will er nicht nur die Mehrheit der Anteile kaufen, sondern alle. Er will Twitter ganz von der Börse nehmen und zu seinem Privatbesitz machen. So würde er den Rechenschaftsplichten gegenüber der Öffentlichkeit, Ak­tio­nä­r*in­nen und vielen Regularien der Börsenaufsicht entkommen. Er hat zudem angekündigt das Werbegeschäftsmodell abzuschaffen. So könnten ihm auch die Werbekunden nicht mehr reinreden.

Musk betont, keine wirtschaftlichen Ziele mit dem Kauf Twitters verfolgen zu wollen. Im Gegensatz zu Mark ­Zuckerberg und seinem Facebook-Mutterkonzern Meta ist Musk schließlich nicht auf die Einnahmen von Twitter angewiesen. Twitter könnte so zum persönlichen Hobbyprojekt des reichsten Menschen der Welt werden. Musk hat vor, dort seine politischen ­Vor­stellungen von „echter Redefreiheit“ auszuprobieren. Nicht zufällig kommt das seinem eigenen Twitterstil zugute.

Elon Musk liebt es, Kontroversen auszulösen. Während Corona verbreitete er sowohl Desinformationen über die Krankheit als auch über die Impfung. Anfang des Jahres verglich er den kanadischen Premierminister Justin Trudeau mit Adolf Hitler. Er gab sich überrascht, dass der amerikanische Senator Bernie Sanders noch lebt, als jener höhere Steuern für Superreiche forderte, und er macht sich gerne über Bill ­Gates’ Aussehen lustig. Seine Tweets bestehen zu einem guten Teil aus dem, was man im Netz „Shitposting“ nennt, und selbst wenn sie ausnahmsweise mal ernst klingen, kann man sich nie ganz sicher sein.

So wurde auch sein Angebot, Twitter zu kaufen, zuerst nicht für voll genommen. Schon 2018 hatte er getwittert, Tesla von der Börse zu nehmen – „Finanzierung gesichert!“ Weil das eine glatte Lüge war, musste sich Musk wegen Anlagebetrugs vor der US-Börsenaufsicht verantworten. Dass Musk nach seinem Angebot zum Kauf von Twitter vorschlug, das w aus „Twitter“ zu streichen oder die Firmenzentrale zum Obdachlosenheim umzufunktionieren, war seiner Seriosität ebenfalls abträglich. Doch als er plötzlich mit dem nötigen Geld auftrat, lachte keiner mehr.

Musk hasst Regeln

Ganz sicher, ob er den Deal auch durchzieht, scheint sich der Aktienmarkt aber bis heute nicht zu sein. Der Wert der Twitteraktie liegt noch zehn Prozent unterhalb von Musks Angebot und die Übernahme kann sich noch monatelang hinziehen. Allerdings müsste Musk wohl mindestens eine Milliarde US-Dollar zahlen, wenn er es sich anders überlegt.

Elon Musk und seine meist jungen, männlichen Fans hetzen gerne gegen Kri­ti­ke­r*in­nen

Musk liebt Twitter und er hasst Regeln. Das sind die beiden Hauptmotivationen für den Deal. Musk ist der Meinung, Twitter solle sich aus der Regulierung von Inhalten, soweit es geht, zurückziehen. Ausnahmen seien die jeweils geltenden Gesetze und die Bekämpfung von Spam und Betrugsversuchen. Jede Moderation darüber hinaus schade dem Funktionieren des „freien Marktplatzes der Ideen“, wie er Twitter auch gerne nennt.

Musk nennt sich einen „Redefreiheitsabsolutisten“. Der bereits erwähnte Taucher Vernon Unsworth würde hier sicher die Augenbraue heben. Genau wie die Blogger und Journalist*innen, die von Teslas Events ausgeladen werden, weil sie mal kritisch über das Unternehmen schrieben. Musk hat zudem eine lange Geschichte von Hetze gegen Jour­na­lis­t*in­nen und Medien, die kritisch über ihn und seine Unternehmen berichten. Unter seinen fast 90 Millionen Followern stehen ihm etliche, meist junge Männer zur Seite, wenn es darum geht, die Ehre ihres Helden zu verteidigen.

2018 machte ein Artikel der Journalistin Erin Biba die Runde, in dem sie beschrieb, wie Musks Twitterarmee systematisch vor allem weibliche Journalistinnen angreift. Biba – selbst ein mehrfaches Opfer solcher Hasstiraden – berichtete über viele Fälle, in denen sich Journalistinnen deswegen aus der Berichterstattung über Musk zurückgezogen haben. An Musk gewendet endete ihr Text: „Ich kann Ihnen versichern, dass jede Frau einen Moment zögert, bevor sie Ihren Namen in einem Tweet nennt.“

Musk hat nach der Meldung seines geplanten Kaufs von Twitter gesagt, er hoffe, dass seine größten Kri­ti­ke­r*in­nen auf der Plattform bleiben, „denn darum geht es bei der Redefreiheit“. Es bleibt abzuwarten, wie er das genau meint. Der Autor David Hogg fragte direkt nach, ob diese Freiheit auch für seine Mitarbeitenden gelte, wenn sie sich via Twitter gewerkschaftlich organisieren. Musk, der auch eine lange Geschichte damit hat, Gewerkschaftsgründungen zu bekämpfen, antwortete leider nicht.

Musk hat nun die Chance, seine Hingabe zur Redefreiheit unter Beweis zu stellen. Bedeutet es die Rückkehr von Donald Trump, Alex Jones und anderer Hetzer, Lügner und Verschwörungstheoretiker unter einem Anything-goes-Regime? Oder will er Wege finden, wie seine Kri­ti­ke­r*in­nen sich wieder trauen, über ihn zu schreiben? Ich fürchte, wir kennen die Antwort.

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