Übergriffe am Hamburger Hauptbahnhof: Polizisten auf der Anklagebank
In Hamburg sind Polizisten wegen Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung angeklagt. Geschädigte sind ein Taxifahrer und eine 75-Jährige.
Foto: Bernhard Sprengel/dpa
Mit gefesselten Händen steht Younes Shodjaedin hinter seinem Taxi am Hamburger Hauptbahnhof, um ihn herum stehen vier Polizisten. Zwei von ihnen halten ihn fest, treten gegen seine Beine. Shodjaedin geht zu Boden. Hier endet das Video, das aus einem anderen Auto heraus gefilmt wurde. „Ich bin misshandelt worden an diesem Tag“, sagt der heute 63-jährige ehemalige Taxifahrer am Mittwoch beim Prozessauftakt vor dem Amtsgericht St. Georg. Er ist als Zeuge geladen und Nebenkläger.
Auf der Grundlage des Polizeiberichtes über den Einsatz gegen Shodjaedin Ende Februar 2023 hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Polizisten Lars R. und Dogan A. erhoben. Ihnen wird Körperverletzung im Amt in Tateinheit mit Nötigung und Freiheitsberaubung vorgeworfen.
A. muss sich zudem wegen einer weiteren Körperverletzung im Amt verantworten. Er soll im Mai 2024 eine 75-Jährige „ohne rechtfertigenden Grund mit erheblichem Kraftaufwand weggeschubst“ haben, nachdem sie vor der Polizei weggelaufen sein soll. Sie soll blutende Verletzungen, einen Oberschenkelhalsbruch und eine Hirnblutung erlitten haben. Zuvor soll sie ein Tierschutzabwehrspray nach Aufforderung nicht ausgehändigt, sondern wieder in ihren Jutebeutel gesteckt haben, so die Anklage. Darum wird es bei einem Fortsetzungstermin am 11. November gehen.
Am ersten Prozesstag ging es aber nur um die Kontrolle des Taxifahrers vor dem Hamburger Hauptbahnhof im Februar 2023. Shodjaedins Taxi stand an diesem Tag unerlaubterweise auf dem Parkplatz und nicht am voll besetzten Taxistand. „Ich habe gesehen, dass Taxis wegfahren und wollte mich einreihen“, sagt er vor Gericht. Er habe gewusst, dass er dort, wo er stand, nicht habe stehen dürfen und habe den Beamten noch im Auto sitzend seine Papiere ausgehändigt und sei dann ausgestiegen. Es habe dann lediglich einen Wortwechsel über die Höhe des Bußgeldes gegeben. „Wenn das Schild aus ist, gibt es ein geringeres Bußgeld. Nur darüber haben wir gesprochen“, so schildert es Shodjaedin.
Polizist Lars R. äußerte sich vor Gericht zu den Vorwürfen, während Dogan A. von seinem Recht zu schweigen Gebrauch machte. Laut R. soll Shodjaedin aus dem Taxi ausgestiegen sein, mit ausgestreckten Armen und Fingern gefuchtelt und gedroht haben: „Ich zeige euch an!“ R. sagt, er sei der ausgestreckten Hand des Taxifahrers nur knapp entgangen und habe sich vor einer Ohrfeige gefürchtet. Daraufhin hatte sein Kollege A. dem damals 59-jährigen Taxifahrer Handschellen angelegt.
Younes Shodjaedin
R. soll dabei Shodjaedins Kopf mit beiden Händen ergriffen und an seine Schutzweste gedrückt haben. Vor Gericht sagt Shodjaedin: „Ich habe zwei-, dreimal gesagt: Das tut weh! Aber daraufhin hat er immer fester gedrückt, statt loszulassen.“
Auch nach dem Anlegen der Fesseln habe der Taxifahrer sich nicht beruhigt, sagt Lars R. aus. Weil er „Tritte, Anrempeln oder Kopfnüsse“ durch den seiner Auffassung nach äußerst aggressiven Shodjaedin befürchtete, hätten er und sein Kollege A. den Taxifahrer kontrolliert zu Boden gebracht. Diese Sequenz ist im Video zu sehen, das im Gerichtssaal abgespielt wird.
Taxifahrer solidarisieren sich mit gefesseltem Kollegen
Andere Taxifahrer – im Prozess war die Rede von 10 bis 20 Personen – hätten sich mit dem gefesselten Kollegen solidarisiert und die zur Verstärkung eingetroffenen Beamten angeschrien. In einem zweiten Video, das im Gerichtsaal gezeigt wurde, ist zu sehen, dass die umstehenden Taxifahrer sich mit dem Polizisten Fabian B. einen hitzigen Wortwechsel liefern. Auch gegen ihn lief ein Verfahren, aber das wurde eingestellt. Taxifahrer am Hauptbahnhof „sind unter aller Sau“, sagte B. zu Beginn seiner Zeugenaussage am Mittwoch. Ob er damit alle meine, fragte Shodjaedins Rechtsanwalt Matthias Oehler und B. bejahte.
„Es wurde immer hitziger“, schilderte der Angeklagte Lars R. Einer der Kollegen habe gerufen, dass in der Mittelkonsole des kontrollierten Taxis ein Messer liege. Einen bleibenden Eindruck scheint das Obstmesser in Shodjaedins Taxi allerdings nicht hinterlassen zu haben – von den am ersten Prozesstag befragten Polizisten erinnert sich keiner an den Moment, in dem das Messer bemerkt wurde.
Die Lage sei laut R. dann derart eskaliert, dass sie sich entschlossen, den Fahrer in Gewahrsam zu nehmen. „Ich hätte ihn vor Ort auch nicht entfesseln wollen“, sagte er. Schließlich nahmen sie Shodjaedin mit ins Polizeikommissariat.
Im Falle einer Verurteilung drohen den beiden Angeklagten Freiheitsstrafen zwischen drei Monaten und fünf Jahren. „Wenn das Gericht den Tatvorwurf als gegeben ansehen würde, gäbe das für Otto Normalverbraucher eine ganz schöne Packung“, sagt Shodjaedins Anwalt Matthias Oehler. Er rechne mindestens mit einer Bewährungsstrafe. Sollte das Gericht den Fall als minderschwer einstufen, kann es auch bei einer Geldstrafe bleiben, ausgeschlossen wäre eine Freiheitsstrafe damit aber nicht.
Nach den Erlebnissen am Hauptbahnhof habe Shodjaedin schlecht geschlafen. Er habe von Polizisten geträumt, die ihn niederschlagen wollten. „Die Termine jetzt sind sehr aufwühlend für mich“, sagt er. Aktuell sind noch zwei weitere Termine angesetzt, ein Urteil wird voraussichtlich Ende November gefällt.
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