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4. Oktober 1989Tumult in Dresden

■ Fünf Jahre danach – eine taz-Serie

Inzwischen sind wir auf unserer Theater-Reise in Dresden angekommen. Als wir uns am Abend auf den Weg in die Kammerspiele machen, begegnen uns auf der Otto-Buchwitz-Straße Wasserwerfer. Von weitem hielt ich sie zunächst für Feuerwehrfahrzeuge.

Es sind die ersten Wasserwerfer, die ich in meinem Leben zu Gesicht bekomme. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, weshalb sie unterwegs sind.

Das klärt sich im Theater. Die Schauspieler brechen die Aufführung kurz vor dem Ende ab, das ganze Ensemble versammelt sich auf der Bühne. Einer der Schauspieler unterrichtet das Publikum davon, daß es zu dieser Stunde zu schweren Ausschreitungen am Neustädter Bahnhof komme. Eine größere Menschenmenge versuche, die Züge zu stürmen, mit denen Botschaftsflüchtlinge aus Prag über Dresden in den Westen gebracht werden. Die Polizei gehe mit brutaler Härte gegen die Demonstranten vor. Unter diesen Umständen finde es das Ensemble unangemessen, weiterzuspielen. Dann tritt ein anderer vor und verliest die Resolution der Unterhaltungskünstler, die seit Ende September kursiert und in der ein demokratischer Diskurs zwischen Volk und Staatsführung eingefordert wird.

Für einen Moment ist es danach beängstigend still im Zuschauerraum. Dann erhebt sich rund die Hälfte des Publikums und applaudiert stehend. Viele von den Sitzengebliebenen verschränken statt dessen demonstrativ die Arme vor der Brust. Der Applaus selbst wird zur Demonstration. Ich stehe und klatsche und habe eine Gänsehaut. Wolfram Kempe

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