Türkischer Kaffee in Armenien: Der biblische Berg hinter Stacheldraht

Nach 700 Jahren ist Armenien wieder unabhängig. Die Planwirtschaft ist abgeschafft. Jetzt wird die Hauptstadt Eriwan wieder chic gemacht.

In weiter Ferne ist über den Dächern von Eriwan der Ararat zu sehen. Bild: ap

Kein Lokal, kein Imbiss, und die Tankstelle ist aufgelassen. Schon seit Jahren. Doch wer anhält in Sarnakunk auf halbem Weg zwischen Eriwan und der Grenze zum Iran, bekommt Kaffee. Kaffee bei Melanja Ghazarian. Jeder, sagt Melanja, bekommt bei mir Kaffee. Gäste kann man doch nicht wegschicken.

"Sarnakunk" heißt "kalte Quelle", und Quellwasser läuft in Melanjas Küche pausenlos eiskalt durch die Spüle und jetzt in den Kaffeetopf aus Aluguss. Ein Löffelchen für jede Tasse: türkisch, sagt sie, in Armenien trinken wir Kaffee türkisch, trotz alledem. Für Gäste holt sie das Feiertagsgeschirr.

Dann erzählt sie: zwei Kühe, ein paar Ziegen, die Bienenstöcke vor dem Haus, vier Apfelbäume und ein Schlag Kartoffeln, das ist ihr Besitz. Und das kleine Haus aus grob verputztem Tuff und die grellbunte, nasse Wäsche auf der Leine, die jetzt die Dorfluft atmet von Sarnakunk, den Geruch von verbranntem Kuhdung, Kerosin und warmem Hühnermist. Es ist gar nicht so viel, was fehlt, sagt Melanja, nur eine Glasveranda hätte sie gern, und manchmal ein bisschen Bargeld.

Anreise: Der Weg nach Armenien führt fast immer über den Flughafen der Hauptstadt Eriwan, denn die Grenzen zur Türkei und nach Aserbaidschan sind nach wie vor geschlossen.

Das Reiseland: Für Reisen auf eigene Faust ist Armenien kein leichtes Pflaster: Englisch wird kaum gesprochen, und wegen des armenischen Alphabets können Touristen meist nicht einmal die Ortsnamen lesen.

Veranstalter: Hauser-Exkursionen bietet eine 18-tägige Rundreise mit vielen Trekkingetappen ab 2.490 Euro, Tel. (0 89) 23 50 06-0, www.hauser-exkursionen.de; GEO Reisen bietet eine 12-tägige kulturhistorische Rundreise, www.georeisen.com

Diese Reise wurde von Hauser-Exkursionen organisiert.

Das meiste tauschen sie im Dorf, Geld gibt es nur an der Straße in Richtung Eriwan, wo ihre Söhne Champignons verkaufen, Sauerampfer und Johanniskraut. Viel zu verdienen gibt es nicht, denn die Mercedes-Limousinen der Reichgewordenen aus der Hauptstadt halten selten an in Sarnakunk. Die sehen uns gar nicht, sagt Melanja. Eriwan? Nie ist sie dort gewesen.

Mit Blick auf den Ararat

Ein Witz hat Eriwan berühmt gemacht, und im Prinzip, ja, haben sie auch ein Radio dort. Einen rot-weißen Sendemast auf dem Hügel über dem Armeemuseum, turmhoch, dominant, unübersehbar. Doch nicht der Radiosender thront über Eriwan, sondern der Ararat. Wenn Armenien eine Seele hat, sagt Ara Haytayan, dann ist es dieser Berg.

Hundertmal und mehr hat er ihn gemalt, in Öl und Aquarell, in seinem Atelier in der obersten Etage des Plattenbaus in der Nikol-Duman-Straße. Von seinem Balkon aus kann man ihn sehen, den Ort, wo Noah strandete: ein mächtiger Kegel, schneebedeckt.

Und so nah er scheint, der biblische Berg, so unerreichbar ist er: Zwischen Eriwan und Ararat liegt hinter Stacheldrahtverhau und gerodetem Niemandsland, unpassierbar, die Grenze zur Türkei. Nichts kränkt die armenische Seele mehr, sagt Haytayan.

Ein lohnendes Motiv war der Berg für einen Maler allemal, zumindest in den Sowjetjahren, als der Kunstmarkt staatlich organisiert war. Kaum etwas sprach die Bilderaufkäufer des Kulturministeriums mehr an als symbolträchtige Landschaftsmalerei rund um Armeniens heiligsten Ort. Jetzt aber muss Haytayan seine Bilder an Kunstliebhaber in Paris und Tokio verkaufen. Nebenher jobbt er als Tour-Guide. Wie überall, sagt er: mehr Freiheit und mehr Miete.

So ist es oft in Eriwan. Die Altstadt wird gerade umgekrempelt: Vom Platz vor der Oper aus gräbt ein Investmenttrust eine diagonale Schneise durchs Schachbrettstraßenmuster. Die neue Northern Avenue ist in Beton gegossene Plastikarchitektur, mehr Einkaufsmall als Straße. "Das ist eben die neue Mischung", sagt Ara Haytayan, "schauen Sie sich die Autos an: Da ein Luxus-Lexus, dort ein Lada."

Lada-Land sind die Gassen rund um die Zentrale Markthalle gegenüber Eriwans einziger Moschee, wo die Platanen blühen und wilder Wein sich um altrosa Tufffassaden rankt. Und an den Ständen in der Halle wie schon immer: Rote Bete, Trockenfrüchte, Nüsse, Auberginenmus und Ziegenkäse. Im Mai, wenn der Springbrunnen am Platz der Republik den Pärchen gehört, ist Eriwan am heitersten. Im August kommt der Staub. 40 Grad, sagt Haytayan, und die Luft ist zu dick zum Atmen.

Wer kann, nimmt dann den Lada oder Lexus und fährt zum Sevansee, eine gute Stunde in Richtung Osten. So groß, dass man das Ufer gegenüber nicht mehr sehen kann, ist der See, glatt wie ein frisch gespanntes Laken, gesäumt von schwarzem, feinem Sand. Ringsum Mobiliar vergangener Sowjetsommerfrische: Tretboote, die kaum noch Lack tragen, Sonnenschirmständer, Imbissbuden mit zweisprachigen Karten, Kyrillisch und Armenisch.

Kaum ein Land hatte es so eilig, davonzukommen, als die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken implodierte. Am 21. September 1991 erklärte sich Armenien für unabhängig, war nach 700 Jahren wieder ein eigener Staat und stellte über Nacht die Planwirtschaft ab.

Die Russen haben eingepackt und sind nach Hause gefahren, sagt Stefan Simonian. Für die Russen hat er Wein gemacht, viele Jahre, in der Weinkooperative von Areni. Jetzt ist der ehemalige Vorarbeiter selbstständiger Winzer.

Neue Tanks hat er gekauft und die Rebstöcke zurückgeschnitten. 26 Prozent Zuckergehalt hat jetzt die Areni-Traube, die so heißt wie der Ort, auf dessen kargen Hängen sie gedeiht. 26 Prozent, da brauchen Sie nicht nachzusüßen, sagt Simonian, so viel hatten wir unter den Russen nie.

150.000 Flaschen füllt er im Jahr ab von seinem weichen Wein, der nach Johannisbeeren schmeckt. Die guten Jahrgänge verkauft er nach Georgien und Russland. Die schlechten füllt er in 2-Liter-Coca-Cola-Flaschen und baut sie auf am Straßenrand, für die iranischen Lkw-Fahrer, die Simonians Ware als Softdrink bis nach Teheran schmuggeln.

Eigentlich zu schade, sagt der Winzer, doch man soll nicht eitel sein, und wer weiß, vielleicht verkaufe ich ja irgendwann nach Frankreich oder nach Italien.

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