Türkische Band Baba Zula: „Die Welt ist dystopisch genug“

Baba Zula aus Istanbul feiert 20-jähriges Bestehen. Bandgründer Murat Ertel über „No“-Kampagnen, Aslı Erdoğan und das Jubiläumsalbum „XX“.

Die vier Mitglieder der Band Baba Zula in Kostümen und mit Sonnenbrillen

Nicht nur brillentechnisch ihrer Zeit voraus: Baba Zula. Murat Ertel ist ganz rechts im Bild Foto: Can Erok/Glitterbeat

taz: Murat, Sie haben gerade ein „20 Jahre Baba Zula“-Jubiläumsalbum veröffentlicht – wird es auch in der Türkei erscheinen?

Murat Ertel: Bislang will es in der Türkei niemand veröffentlichen. Falls jemand fragt, werden wir darüber nachdenken. Wir legen es aber gerade auch nicht darauf an, solange der Staat und seine Gesetze in solch ungewissem Zustand sind. Wer weiß, vielleicht findet irgendjemand Songs oder das Artwork beleidigend. Wir wollen eigentlich warten, bis der Ausnahmezustand beendet ist.

Sie haben einen Song namens „Özgür Ruh“, was so viel wie Freigeist bedeutet. Wie ist es derzeit, als Freigeist in Istanbul zu leben?

Die Idee des Songs ist es, seinen freien Geist zu bewahren – egal, wie die Bedingungen sind. Ob man im Gefängnis ist, ob man Sex hat oder ob man gerade ein wissenschaftliches Experiment durchführst: dass du deine geistige Freiheit schützt, ist das allerwichtigste.

Die Psychedelic-Rock-Band Baba Zula hat sich 1996 in Istanbul gegründet. Murat Ertel ist Mitgründer und Elektro-Saz-Spieler der Band.

Aus Anlass des 20. Bandjubiläums haben Baba Zula die Doppel-CD „XX” (Glitterbeat/Indigo) veröffentlicht. Auf der ersten CD sind neue Songs und Versionen mit Gästen wie etwa Alexander Hacke, auf der zweiten Dub-Versionen von Künstlern wie Mad Professor.

Live: 07.02. Berlin, SO 36, 08.02. Leipzig, Moritzbastei, 09.02. Reutlingen, Franz K., 10.02. Karlsruhe, Tollhaus.

Wie sehr ist die Musikszene aktuell in Istanbul bedroht?

Was das Musikalische betrifft, kann man eigentlich machen, was man will – wenn man es nicht darauf anlegt, reich und berühmt zu werden. Aber was die Songtexte betrifft, muss man vorsichtig sein, was man sagt. Für Interviews gilt dasselbe. Man kann wegen eines Retweets oder Facebook-Posts verhaftet werden.

Ich nehme an, in der Türkei sind Baba Zula um einiges bekannter als hier. Müssen Sie nun auf jeden Ihrer Schritte achtgeben?

Wir sind auch in der Türkei nicht gerade berühmt. Wenn man in der Türkei bekannt werden will, muss man in Fernsehshows auftreten – das tun wir nicht.

Sind Sie gefragt worden?

Ja, sie haben uns gefragt, ob wir Playback auftreten wollten, das haben wir abgelehnt. Viele unserer Songs sind seit vielen Jahren – noch vor der Zeit der AKP-Regierung – für Radio und Fernsehen verboten. Natürlich gibt es einige Radiostationen, die uns spielen, aber die sind unbedeutend. Wir können die Leute daher nur über Mund-zu-Mund-Propaganda erreichen. Oder aber Medien werden auf uns aufmerksam.

Wie kommen diese Ausschlusslisten zustande und welches waren die Gründe dafür?

Ich verstand es selbst nicht. Also rief ich bei der Radio- und TV-Kommission an. Ich sprach mit einer Frau, und sie sagte: „Wegen Ihrer Musik ist es nicht“. Ich fragte sie, ob es wegen unserer Texte sei, und sie sagte: „Könnte sein.“ Wir singen nicht über Liebe wie 90 Prozent der Musiker in der Türkei es tun. Das gefällt den Behörden natürlich, sich nicht mit ernsthaften Themen auseinanderzusetzen. Wir tun das aber. Unsere Songtexte thematisieren zum Beispiel Frauenrechte oder Tierrechte. Wir wollen Leute in positiver Art und Weise zusammenbringen und die Grenzen von Sprache, Geschlecht und Religion aufbrechen. Das stört viele. Über Frieden zu sprechen ist gefährlich.

Sie haben auch einen Song über die inhaftierten Journalisten in der Türkei geschrieben, oder?

Aus meiner Familie waren einige betroffen. Über sie habe ich Songs geschrieben. Mit manchen bin ich also tatsächlich befreundet oder verwandt, das macht es um so schlimmer. Die Leute werden in Haft übel behandelt, Aslı Erdoğan sagte in einem Interview nach ihrer Entlassung, man habe ihr mehrere Tage nicht mal Wasser gegeben. Eine andere Sache: Gefangene haben heimlich einige Pflanzen hochgezogen, und als die Aufseher das bemerkt haben, haben sie sie zerstört und dabei gelacht. Das alles ist nicht menschlich. Ich meine, Pflanzen und Wasser, come on!

Erdoğan ist nicht mehr weit von der von ihm gewollten Verfassungsänderung entfernt. Inwiefern ist Protest dagegen in Istanbul möglich?

Es gibt „Nein“-Kampagnen im Vorfeld des Referendums, auch viele Künstler, Fanclubs von Fußballvereinen haben solche Initiativen gestartet. Wir wollen Demokratie, Gesetze, Gleichheit, ein Minimum an Menschenrechten. Aber nicht nur mein Land kollabiert. Mein Land hat Probleme, aber Ihr Land hat genauso Probleme. Die Naturkatastrophen werden gewaltiger, es kann jederzeit alles passieren. Wir sollten uns grenzenübergreifend zusammentun. Kunst kann die Welt verändern, aber dieser Wandel geht ziemlich langsam voran. Außerdem ist die Kunst ziemlich dystopisch im Moment. Die Welt ist dystopisch genug, für die Zukunft brauchen wir neue Utopien.

Sie haben kürzlich gesagt, Sie wüssten nicht, wie die Zukunft von Baba Zula aussieht. Wie meinten Sie das?

Es gibt immer wieder Probleme. Zum Beispiel haben die deutschen Behörden zweien unserer Mitglieder zunächst keine Visa gegeben. Ohne Visum können wir nicht kommen. Oder, anderes Beispiel: In der Silvesternacht haben wir in einem Club in Istanbul gespielt. Jeder hat schon geahnt, dass etwas passiert. Der Typ mit dem Maschinengewehr ist nur zufällig in einen anderen Club marschiert. Man weiß nie, was passiert. Wir haben jetzt noch diese Europatour und eine Australien-Tour – es könnte sein, dass es die letzte ist.

Haben die Bandmitglieder denn inzwischen ein Visum (das Gespräch fand am vergangenen Mittwoch statt, Anm. d. Red)?

Bis jetzt noch nicht. Wir haben einen Anwalt eingeschaltet und ihnen noch mehr Dokumente eingereicht. Wenn etwas verdächtig ist, kann man denjenigen fragen, aber wenn ein Typ von Baba Zula seit 20 Jahren Musik macht, ist dieses Vorgehen sehr unverständlich.

Rock und Psychedelic Rock hatte vor allem in den 60ern und 70ern eine große Tradition in der Türkei. Haben Sie aus dieser Zeit Vorbilder und Helden?

Sicher! Als allererstes Selda Bağcan, sie hat eine unglaublich tolle Stimme. Aber aus dieser Zeit habe ich viele Helden, Barış Manço etwa und viele mehr. Diese Musiker haben traditionellen Folk mit modernen westlichen Instrumenten neuinterpretiert. Wir sind beeinflusst von ihnen, aber wir kopieren sie nicht. Unsere Instrumentierung ist anders, wir spielen mit elektrischer Saz, elektrischer Oud, Daluka, türkische Percussion und Samplern.

Man kennt Sie in Deutschland vom Soundtrack zum Fatih-Akin-Film “Crossing The Bridge“. Sind Sie noch in Kontakt mit ihm?

Er kommt immer zu unseren Konzerten, wenn wir in Hamburg spielen. Wir sind sowohl mit Alexander Hacke, mit dem wir zusammengearbeitet haben, als auch mit Fatih Akin in gutem Kontakt. Ich kannte ihn damals gar nicht, aber ich fühlte mich von Beginn an mit ihm verbunden.

Ist es gerade jetzt wichtig, ein internationales Netzwerk zu haben?

Mit Leuten zusammenzuspielen, die dich inspiriert haben, ist eine schöne Sache. Vielleicht ist das sogar meine Definition von Erfolg.

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