Tschad: Trübe Aussichten für Vertriebene

In der Regenzeit, die Hütten unter Wasser setzt, ist das Leben für die 170.000 Vertriebenen im Osten Tschads noch schwieriger als sonst. Dazu kommt Gewalt.

Reiter im Sandsturm im Osttschad Bild: dpa

Mariam tröstet ihr weinendes Baby, nachdem sie ihre paar Sachen zum Trocknen nach draußen geschleppt hat. Ein heftiger Gewittersturm mit starkem Regen hat alles nass gemacht. Viel besitzt Mariam nicht. Schnell und unerwartet musste sie aus ihrem Dorf fliehen. Jetzt ist sie eine von über 170.000 Vertriebenen im Osten des Tschad. "Wir haben dieses Haus rasch gebaut, und jetzt stellt sich heraus, dass es zu nah am Hügelrand steht. Das Wasser, das da herunterströmt, kommt wie ein Fluss durch mein Haus", sagt die junge Mutter. Von der UNO hat sie nun eine Plastikplane bekommen, um ihr Strohdach abzudecken.

Seit sieben Monaten lebt Mariam im Lager Koloma, ungefähr hundert Kilometer von ihrem Dorf entfernt. "Wir wurden morgens früh angegriffen von Janjaweed aus Darfur, arabischen Tschadern und Männern in Uniform", erzählt sie. "Sie kamen in Autos und auf Pferden. Sie drohten, alle Männer zu töten und uns Frauen zu Sklaven von ihren Frauen zu machen. Ihr Dorf Beginga liegt in der Nähe der Grenze zum Sudan. "Sie schrien, dass sie alle Afrikaner wie Hühner vertreiben würden."

Mariam und die anderen Frauen liefen davon und waren vier Tage zu Fuß unterwegs, bis sie die Kleinstadt Goz Beida erreichten. Die ersten Tage biwakierten sie unter den wenigen Bäumen. Erst als auch die Männer aus dem Dorf ankamen, die den Angriff überlebt hatten, fingen sie an, ihre Strohhütten zu bauen.

Abakar Souleiman, der Ehemann von Mariam, ist auf das Dach geklettert, um das durchnässte Stroh neu zu arrangieren und die Plastikplane der UNO darüberzuspannen. "Wir kennen die arabischen Tschader, die uns angriffen", sagt er, als er wieder heruntersteigt und am Gespräch teilnimmt. "Früher tranken wir Tee mit ihnen. Jetzt haben sie alles von uns gestohlen, und was sie nicht mitnahmen, verbrannten sie." Er schüttelt verständnislos den Kopf. "Früher sprachen wir nie über Araber und Afrikaner. Ich vermute, das die Janjaweed aus Sudan unsere arabischen Landsleute aufgehetzt haben."

Die Vertriebenen kamen nach Goz Beida auf der Suche nach Schutz, aber der Ort ist auch nicht mehr vollkommen sicher. Vor wenigen Wochen wurde ein Konvoi mit Hilfsgütern aus den Hügeln rund um dem Ort beschossen. Ein Mensch kam ums leben, gestohlen wurde nichts. "Es scheint, dass eine Gruppe in den Hügeln sitzt und deutlich machen will, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist. Keine Ahnung, ob es Armee, Rebellen, Milizen oder Räubern sind", meint ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation.

Hilfswerke im Osten Tschads kommen gegen den Strom der Vertriebenen kaum an. Das Land ist eines der ärmsten Länder der Welt, aber der Ostteil ist noch ärmer als der Rest des Landes. Entwicklungsorganisationen haben sich vor der aktuellen Krise kaum um den Ostteil an der sudanesischen Grenze gekümmert. Tschad hat nur wenige hundert Kilometer asphaltierte Straßen, und die befinden sich nicht im Osten. Es gibt nur Sandwege, durchschnitten von unzähligen trockenen Flussbetten, die sich in der Regenzeit in tiefe, reißende Ströme verwandeln. Eine französische Luftbrücke aus der Hauptstadt Ndjamena nach Goz Beida hat nun immerhin geholfen, dass genügend Lebensmittel vorhanden sind - Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht, hat 1.200 Soldaten ständig im Tschad stationiert.

Doch die Zahl der tschadischen Vertriebenen nimmt zu, und außerdem leben über 230.000 Flüchtlinge aus Darfur in 12 osttschadischen Lagern, die meisten seit mindestens drei Jahren. Im Süden des Landes kommen immer mehr Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik an - derzeit sind es 45.000.

Die aktuelle Regenzeit, die bis Oktober dauert, verschlechtert die humanitäre Situation in den tschadischen Lagern zunächst noch mehr. Regen zieht Mücken an und damit Malaria. Die starken Temperaturschwankungen machen Kinder krank. Nach Angaben des Hilfswerks Ärzte ohne Grenzen sind 40 Prozent der Kinder unter fünf Jahren in den Lagern unterernährt.

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