Tragikomödie „Britt-Marie war hier“

Putzen und Ungehorsam

Tuva Nowotny erzählt „Britt-Marie war hier“. Die schwedische Coming-of-Silverage-Geschichte hat eine emanzipatorische Absicht.

Eine Frau mit Koffer steht auf einer Straße

Für sie ist Ordnung das ganze Leben: Britt-Marie (Pernilla August) Foto: Prokino

„Döstädning“ kommt aus Schweden und bedeutet „Death Cleaning“. Es bezeichnet eine Art des Ausräumens, bei der man seine Wohnung so hinterlässt, dass man jederzeit sterben könnte, ohne dass die Hinterbliebenen bei der Haushaltsauflösung auf Massen von Zeug hocken bleiben: Alles Überflüssige wird entsorgt, der Rest akkurat verstaut – als ob man nie da gewesen wäre. Die Autorin eines schwedischen Bestsellers zu diesem Trend ist angeblich zwischen 80 und 100 Jahre alt. Und will ihre Verwandten anscheinend nicht überfordern.

Die Verbindung zwischen Alter und einer peniblen Ordnung, bei der alles Persönliche, alles Impulsive, alles Sinnlose getilgt ist, stellt auch Tuva Nowotnys Tragikomödie „Britt-Marie war hier“ her. „Chaos – das Ende der Welt“, lässt die schwedische Regisseurin ihre Protagonistin, die 63-jährige Hausfrau Britt-Marie, aus dem Off erklären. Britt-Marie (Pernilla August) putzt, kocht und poliert ihrem Mann Kent (Peter Haber) seit 40 Jahren das gemeinsame Dasein in der Kleinstadt.

Für sie ist Ordnung nicht das halbe, sondern das ganze Leben – und darauf ist sie stolz. Als Kent einen Unfall hat und Britt-Marie im Krankenhaus von seiner langjährigen außerehelichen Beziehung erfährt, wäre der Startschuss für die klassische, vorhersehbare, skandinavische Senior*innen-Komödie im „Ein Mann namens Ove“-Stil gegeben: Kauzige Rentnerin findet durch einen emotionalen Schock heraus, dass die Welt doch noch mehr zu bieten hat als Silberpolitur und Backpulver und muss einen neuen Anfang wagen.

Doch Nowotny geht es nur bedingt um den komödiantischen Aspekt – auch wenn immer wieder leutselig-heitere Akkordeonmusik die Stimmung vorgibt und auch wenn die Idee der langweiligen Hausfrau ein Humorklischee und Basis für Tausende von frauenfeindlichen Witzen à la „Brettspiel für Frauen? – Bügeln“ ist.

Ein Kindheitstrauma in hohem Alter

Stattdessen befreit sich Britt-Marie rasant von ihren Fesseln – und beweist sich als Stehaufmännchen: Nachdem sie ihren untreuen Mann verlassen hat, wird sie auf dem Arbeitsamt zunächst mit der Realität ihrer Situation konfrontiert. „Es gibt nicht viel für eine Frau deines Alters …“, sagt die Vermittlerin und bietet Britt-Marie an, als Betreuerin und Fußballtrainerin für das Jugendzentrum in einem entlegenen Kaff namens Borg zu arbeiten.

Britt-Marie greift zu. Und muss ihre Selbst- oder besser Neufindung fortan in einem verwahrlosten Jugendheim vorantreiben, in dem die Kinderfußballmannschaft FF Borg sehnsüchtig auf bessere Zeiten – und einen erfolgversprechenden Trainer – hofft.

So wird eine Coming-of-Silverage-Geschichte auf den Weg gebracht, die ihren Charme aus dem affektiven Subtext zieht, der von Nowotny in ihre Adaption eines Bestsellerromans von Fredrik Bakmann subtil eingearbeitet wurde: Britt-Maries Verhalten, das pathologische Putzen, könnte in Wirklichkeit aus einem Kindheitstrauma rühren, das mit ihrer älteren Schwester verknüpft ist.

In entsprechenden Rückblenden wird der Film sehr zärtlich und emotional. Was Britt-Marie zudem lernen muss, geht über das Erkennen der eigenen Bedürfnisse hinaus. Denn ausgerechnet ein aus schwierigen Verhältnissen stammendes Vereinsmitglied, ein Mädchen mit Migrationshintergrund, bringt der unerfahrenen Trainerin die schwedische Tradition des zivilen Ungehorsams nahe – mit Folgen, die das Dörfchen Borg bis in die politische Ebene erschüttern.

Ohne Spuren war man nicht da

Die schwedische Schauspielerin Pernilla August, die oft für Ingmar Bergman spielte und in zwei „Star Wars“-Filmen Anakin Skywalkers Mutter Shmi gab, interpretiert das nach außen hin langweilige Heimchen am Herd voller Würde und mit einer leise brodelnden Energie, die sich in Britt-Maries Willensstärke zeigt.

„Britt-Marie war hier“. Regie: Tuva Novotny. Mit Pernilla August, Peter Haber u. a. Schweden 2019, 97 Min.

Britt-Marie wird am Ende entgegen der „Döstädning“-Theorie dem Dörfchen Borg und seinen Bewohner*innen etwas von sich dalassen, etwas Chaotisch-Persönliches, etwas, das bereits im Filmtitel „Britt-Marie war hier“ angelegt ist. Denn wenn man keine Spuren hinterlässt, war man doch eigentlich gar nicht da.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de