Tonträger: Die Achse der Weihnacht

"Last Christmas" als Lounge-Jazz, Weihnachten in Nashville und Santa-Songs im Knast: Die Weihnachtsalben von Till Brönner, den Isley Brothers und ein Bluegrass-Sampler.

Einst spielte Jasper Isley mit Jimmy Hendrix, jetzt trällert er Lieder über den Weihnachtsmann. Bild: ap

Weiße Weihnacht

Weihnachten ist der Ernstfall. Ein religiöses Fest in einer säkularen Welt. Eine Feier der familiären Geborgenheit, um die herum sich all die Probleme des Lebens im Spätkapitalismus gruppieren: die Sinnsuche, mit der man der transzendentalen Obdachlosigkeit zu begegnen versucht, der Konsum, in dem diese meist endet. Weihnachtsplatten handeln von authentischen Bedürfnissen nach falschen Gefühlen und der Fähigkeit, daraus Musik zu machen. Man kann auch Entertainment dazu sagen. Deshalb ist wahrscheinlich keiner der Künstler, die dieses Jahr eine Weihnachtsplatte aufgenommen hat, besser für diesen Job geeignet als der Berliner Jazztrompeter Till Brönner. Denn Brönner mag zwar längst nicht so ein großer Künstler sein, wie er gerne glaubt: aber die Gesten des Entertainments beherrscht er - in den USA selbstverständlich, in Deutschland selten. Und was soll man sagen? Das "Christmas Album", das Brönner mit einer Reihe von Gastsängern und dem Berliner Sinfonie-Orchester eingespielt hat, ist von beängstigender Perfektion. Brönner bringt es nicht nur fertig, lauter neue oder unbekannte Stücke klingen zu lassen, als würden sie seit Jahren in amerikanischen Vorabendserien laufen, wenn der Familienvater vollbeladen mit Paketen an der Supermarktkasse wartet. Er spielt Whams "Last Christmas" als Lounge-Jazz-Version, die dem Stück ganz neue Wahrheiten entlockt. Und für "White Christmas" lässt die Harfistin Töne vom Himmel perlen, als sei die Tauentzienstraße die Fifth Avenue.

Schwarze Weihnacht

Die Liste der Künstler, die Weihnachtsplatten gemacht haben, ist schier unendlich. Wahrscheinlich ist es einfacher, die Künstler zu zählen, die keine herausgebracht haben. Eine Band hatte bisher keine gemacht: die Isley Brothers, die älteste noch arbeitende Gruppe im Pop - gegründet haben sie sich 1954, sie dürften die einzige Band sein, die mit Jimi Hendrix wie mit R. Kelly gespielt hat. Sie haben Gospel gemacht, Doo-Wop, Soul, Funk, Rock, Hiphop - und nun "Soon Ill Be Home For Christmas". Tatsächlich könnte man Ronald Isley auch die Insassenliste seines Zellenblocks singen lassen, er sitzt nämlich seit einigen Monaten wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis, immer würde man seine Stimme erkennen. Ein Tenor, der wie kein anderer im Soul das Weiche seiner hohen Lage mit einer leicht angerauten Gefährlichkeit zu verbinden weiß. Eine Verbindung, die besonders gut zu dem Träumerischen von "White Christmas" passt, ist es doch ein Stück, was auch davon handelt, dass es erst die Erinnerung ist, die Weihnachten zu einem gelungenen Fest macht. "Santa Claus Is Coming To Town", dieses Gutenachtgeschichtelied vom Heiligabend (in den USA kommen die Geschenke ja erst am Morgen des ersten Feiertags in den Strumpf) präsentieren die Isley Brothers als Gospel, was nur bedingt einleuchtet. Außergewöhnlich dagegen "Silent Night": Auch diesem Schmachtfetzen ist also noch etwas abzugewinnen, wenn man sich den Schnee wirklich zu Herzen gehen lässt. Isley Brothers: "Ill Be Home For Christmas" (Def Jam)

Blue Grass Christmas

Weihnachten ist für alle da, auch für alle Musikstile: Da gibt es etwa die legendäre "Christmas On Death Row"-Compilation, für die der Rapper Snoop Dogg das Stück "Santa Claus Go Straight To The Ghetto" einspielte. Auch im Reggae fanden sich genügend Stücke für die "Santa Claus Is Ska-ing To Town"-CD-Box. Selbst mehrere "Christmas Chill-Out"-Alben gibt es. Warum also nicht auch "Christmas Country"? Ist nicht die spezielle Idee, die man in Nashville von gepflegter Unterhaltung hat, ohne weiteres mit dem Weihnachtsfest kompatibel? Ist Weihnachten nicht auch das Fest, zu dem man sich versammelt, um sich für einen Abend als Teil einer heilen Welt zu fühlen, einer Gemeinschaft, die ihre Wurzeln in gesunden Traditionen hat? Vielleicht ist es ja nur die Auswahl, die "Country Christmas" zu einer ziemlichen Enttäuschung macht. Aber keines der 18 Stücke überzeugt. Was auch die großen Namen nicht wettmachen. Kenny Rodgers findet keinen Weg, "White Christmas" eine weitere Einsicht abzugewinnen. Alison Krauss weiß nicht recht, was sie mit "Shimmy Down The Chimney" anfangen soll. Vor routiniert runtergekurbelter Begleitung können sie weder Leidenschaft aufbringen noch eiskalt bleiben. Einzig die Oak Ridge Boys machen aus "Ill Be Home For Christmas" eine überzeugende Version: In ihrem Chorgesang klingt glaubwürdig traurig - wie ein Versicherungsvertreter in der Hotelbar weit weg von zu Hause, der im Fernseher über der Theke Paare mit Geschenken die Straße herunterlaufen sieht. V. A.: "Country Christmas" (Capitol)

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