Tipps für den politisch korrekten Alltag: So wird man sexy Artenschützer

Acht praktische Tipps, um Gutes zu tun - das bringt ordentlich Punkte aufs Karmakonto. Und George Clooney macht es vor: Artenschützer sehen sogar gut aus.

Er liefert den Beweis: Artenschutz macht sexy. Bild: dpa

1. Das leben ist kein Horrorfilm. Lernen Sie, Spinnen zu lieben!

Bei 95 Prozent aller Menschen ruft der Anblick von Spinnen Unbehagen hervor. Wissenschaftler vermuten, dass die Vorfahren der Menschen diese Urangst aus Afrika mitbrachten. Höchste Zeit also, sich davon frei zu machen. Denken Sie doch mal nach: Spinnen, die Menschen anfallen, gibt es nur im Horrorfilm. Überhaupt sind die wenigsten Tiere auf der Welt gefährlich für den Menschen - ganz im Gegenteil. Jeden Tag sterben bis zu 130 Arten aus. Die meisten, weil sie die Übergriffe des Menschen nicht mehr ertragen. Obwohl sie so nützlich sind. Die Spinne zum Beispiel ernährt sich von Insekten. Sie sorgt dafür, dass sich in Ihrem Schlafzimmer keine Fliegen oder Käfer tummeln. Sollte sie stören, fangen Sie sie in einem Marmeladenglas und geben Sie sie der freien Wildbahn zurück!

2. Sitzen Sie bequem - ohne Tropenholz zu benutzen!

Setzen Sie sich - am besten auf einen alten Stuhl von Oma! Je länger ein Möbel in Gebrauch ist, desto besser, das schont die Natur. Jährlich werden nach Angaben von Greenpeace bis zu 150.000 Quadratkilometer Urwald zerstört, alle zwei Sekunden eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld. Bis zu 70 Meter breite Schneisen werden durch den Wald geschlagen - für den Abtransport des Holzes, auf dem Sie später Ihren Allerwertesten platzieren. Und was, wenn Ihr Stuhl kaputt ist? Befolgen Sie beim Neukauf eine Checkliste: Tropenhölzer sind allenfalls akzeptabel, wenn sie mit dem FSC-Gütesiegel oder dem Naturland-Siegel ausgezeichnet sind. Besser sind Möbel aus heimischen Hölzern: Robinie, Eiche, Esskastanie, Lärche und Kiefer.

3. Investieren Sie richtig, legen Sie an wie Carl Gustav!

Machen Sie es dem schwedischen König Carl Gustav nach: Als eine Zeitung vor zwei Jahren aufdeckte, dass er Teile seines Vermögens in einen Holzkonzern aus Brasilien investiert hatte, der Regenwälder rodet und Einheimische brutal vertreibt, zog er seine Investition zurück. Das können Sie nicht? Aber klar doch. Jeder Kleinsparer kann sein Geld heute bewusst anlegen, ohne auf eine ordentliche Rendite verzichten zu müssen: "7.000 Fonds sind auf dem Markt, rund 60 davon sind als Ökofonds schon länger auf dem Markt, sodass man ihre Qualität beurteilen kann", klärt Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen auf. Niemand muss sein Geld in der Herstellung von Genfood oder Flugzeugen anlegen, rät er. Denken Sie auch darüber nach, ob Sie nicht die Bank wechseln sollten.

4. Lassen Sie Messer und Gabel vom Rind! Essen Sie Fisch, den Sie selber angeln!

Natürlich, das wissen Sie: dass Sie der Figur und dem Klima zuliebe auf Burger verzichten sollen. Japanische Forscher rechneten letztes Jahr vor, dass die Produktion von einem Kilo Rindfleisch so viel Kohlendioxid verursacht wie eine dreistündige Autofahrt, während deren zu Hause alle Lichter brennen. Falsches Essen ist ungesund - und schädigt Umwelt wie Klima. Das heißt umgekehrt: Vieles, was Sie fürs Klima tun, hilft auch Pflanzen und Tieren: Schließlich werden Regenwälder gerodet, damit Soja für Fleischlieferanten angebaut werden kann. Also Fisch. Aber welcher? Pangasius? Auch so ne Sache. Der Fisch aus dem vietnamesischen Mekongdelta landet immer öfter auf deutschen Tellern. Jährlich verdoppelt sich die Importmenge nahezu. Der Erfolg ist durchschlagend - so sehr, dass dem Mekongdelta nun ökologische Probleme drohen: Immer neue Farmen entstehen, wo die Fische auf engem Raum gezüchtet werden. Es ist ähnlich wie beim Rind: Für 1 Kilogramm Zuchtfisch müssen bis zu 5 Kilogramm Fisch verfüttert werden. Paradox: Gerade die Farmen sind es, die das Problem der Überfischung verschärfen. Dabei sind die Meere ohnehin schon ziemlich leer. Von Scholle, Seezunge oder Kabeljau sollten Sie die Finger lassen. Auch Schellfisch, Seehecht oder Heilbutt von hoch industrialisierten Flotten meiden. Für Ihren Teller sind Seelachs, Hering, Karpfen oder Makrelen da. Am besten: selbst geangelt - und zwar große Fische, also solche, die eine Chance hatten, sich fortzupflanzen.

5. Machen Sies wie Edmund Stoiber: Richten Sies im Garten!

Im Garten sitzen und "ähh … Blumen hinrichten" und dabei "Kraft tanken" - so erklärte Edmund Stoiber einst seine Lieblingsbeschäftigung. Eifern Sie dem bayerischen Exministerpräsidenten nach. Hinrichten oder herrichten - die korrekte Wortwahl ist dabei egal. Im Garten ist Chaos erlaubt. Verabschieden Sie sich zum Beispiel vom englischen Rasen, denn der ist eine Artenwüste: Insekten finden dort keine Blumen, Vögel keine Nahrung. Säen Sie lieber eine Wildblumenwiese. Pflastern Sie Ihren Garten auch nicht mit einer überdimensionierten Terrasse zu. Der Flächenverbrauch in Deutschland ist ohnehin schon enorm: Jeden Tag werden 120 Hektar Natur plattgemacht - für Fabriken, Häuser und Straßen. Nur zum Vergleich: Ein Fußballplatz gilt als groß, wenn er einen Hektar hat. Und: Kaufen Sie Krabbeltiere - als Gartenhelfer! Schlupfwespen, Marienkäfer und Raubwanzen fressen Blattläuse, Wollmäuse und Spinnmilben einfach auf. Sie machen teure Chemie überflüssig. Fragen Sie in einer Gärtnerei nach - oder suchen Sie im Internet nach einem Anbieter der tierischen Helfer.

6. Meiden Sie Palmkakadus, streicheln Sie heimische Tiere!

Sie haben ein offenes Haus und lassen jeden rein? Das ist keine gute Idee - zumindest nicht, wenn es um Ihre Haustiere geht. Seien Sie wählerisch! Haben Sie Ihre Katze lieb! Und verzichten Sie auf Exoten wie einen Palmkakadu - der ohnehin nur für viel Geld auf dem Schwarzmarkt zu erstehen ist. Denn der Kakadu kommt aus Südostasien und ist stark bedroht. Sein Import ist verboten. Schmuggler verkaufen ihn "für den Wert eines Kleinwagens", sagt Artenschützer Volker Homes vom World Wildlife Fund. Auch als Mitbringsel eignen sich Tiere aus fernen Ländern nicht, erklärt der Tierschützer. Kleine Reptilien sind derzeit im Trend; die Händler plündern die Wildnis. Zudem gibt es ein Problem, wenn Ihnen die Exoten ausreißen: Die grünen Halsbandsittiche sind mittlerweile so weit verbreitet, dass sie mit heimischen Vögeln um Bruthöhlen konkurrieren. Die Rotwangenschmuckschildkröten besetzen die knapp gewordenen Lebensräume der Europäischen Sumpfschildkröte. Amerikanische Grauhörnchen vertreiben die kleineren heimischen Eichhörnchen.

7. Trinken Sie ruhig ein Bier - Bier aus Urkorn!

Kämpfen Sie für guten Geschmack! Verzichten Sie mal auf das gewohnte Fernsehbier. Mancher kleine Brauer entdeckt alte Rezepturen wieder - mit Emmer, Hirse oder Urkorn. Diese alten Getreidesorten sorgen für eine neue Vielfalt auf den Äckern und im Supermarkt. Den meisten mundet ein Bier aus Emmer. Doch noch gibt es das nur in der Nische. Nicht nur in die Getränke, auch ins Essen kommt weltweit derzeit vor allem hochgezüchtetes Einerlei. Beispiel: In Uganda halten Bauern die leistungsstärkeren Freiburger Holstein-Kühe statt einheimische Rassen. Problem: Bei Dürre starben fast alle Holsteiner, weil sie die weiten Märsche zu den Wasserstellen nicht überlebten. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) hat längst gewarnt, dass der Trend zur hochgezüchteten Landwirtschaft die weltweite Ernährung gefährde. In den letzten sechs Jahren ist jeden Monat eine alte Rasse ausgestorben. 15 Tierrassen machen heute 90 Prozent aller Nutztiere aus. Trinken Sie nicht nur Emmer-Bier, gönnen Sie sich Schinken vom Bunten Bentheimer Landschwein dazu!

8. Werden Sie so grün und sexy wie George Clooney!

Geben Sie ruhig mal ein bisschen an! Seien Sie stolz auf Ihren perfekten Artenschutztag. Reden Sie darüber, wie glücklich es machen kann, eine Glühbirne gegen eine Energiesparlampe auszutauschen. George Clooney, Leonardo DiCaprio und Julia Roberts sind ja nicht nur Sexbomben, sie gehören auch zu einer neuen Spezies in Hollywood, den Lohas: denen, die der Lifestyle of Health and Sustainability attraktiv macht. Klimastress ist schlimm. Artensterben auch. Derzeit verschwinden so viele Arten wie seit dem Sterben der Dinosaurier nicht mehr. Gut, gut. aber das kann man auch positiv ausdrücken. Sagen Sie: Der jährliche Marktwert der aus der Natur gewonnen Produkte wird auf bis zu 800 Milliarden US-Dollar geschätzt. Oder: Knapp die Hälfte der Medikamente, die in Deutschland verschrieben werden, enthält Pflanzliches. Positiv denken macht schön. Kauen Sie Gemeinderäten oder anderen Politikern kein Ohr ab. Machen Sie sie an, verführen Sie die Politnasen dazu, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Baulücken in der Stadt zu schließen ist aufregender, als mit Baugebieten vor der Stadt grüne Wiesen in Einöden zu verwandeln. Es bringt mehr Spaß, einen kontaktfreudigen Nahverkehr zu fördern, als kalte Umgehungsstraßen zu bauen. Sie werden sehen: Öko macht an, Artenschutz ist sexy!

Ach, eins noch: Sagen Sie doch der Spinne Gute Nacht, wenn Sie schlafen gehen!

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de