Thema des Tages: Interview: "Sufis genießen hier einen guten Ruf"

Unpolitisch, aber offen in alle Richtungen seien Sufis, sagt die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus. Die Angst vor Projekten muslimischer Gemeinden sei "in den allermeisten Fällen unbegründet", meint die Expertin der HU

taz: Frau Spielhaus, was unterscheidet Sufis von anderen Muslimen?

Riem Spielhaus: Es gibt keine scharfe Trennung zwischen Sufis und anderen Muslimen - Sufis gibt es in allen Ausrichtungen des Islam. Sie betreiben eine religiöse Praxis, die man im Christentum als Mystik bezeichnen würde: Die Mitglieder von Sufi-Orden suchen über die normale islamische Praxis wie das fünfmal tägliche Beten hinaus die Begegnung mit Gott. Ein Grundsatz des Sufismus besagt: Es gibt zwei Wege zu Gott, den des Verstands und den des Herzens. Die Sufis gehen den zweiten. Eine geschlossene Gesellschaft innerhalb der muslimischen Gemeinschaft bilden sie aber nicht. Im Gegenteil: In der Regel sind Sufi-Gemeinden sehr offen.

Gilt das auch für Berlin?

Ja. Die Berliner Muslime, die sich den Sufis zurechnen, besuchen in der Regel die Freitagsgebete in den ganz normalen Gemeinden und dazu eben noch die Gebete ihres Sufi-Ordens. Sufis gelten häufig als eher weltabgewandt, aber das trifft nicht auf alle zu. Sie halten sich zwar aus politischen Konflikten heraus, viele Sufis sind aber gesellschaftlich engagiert: in Dialogprozessen wie dem interkulturellen oder interreligiösen Dialog oder beispielsweise in der Gefangenenbetreuung. Sufis sind menschlich sehr offen, sie lehnen niemanden ab. Ob drogenabhängig oder kriminell: In den Augen der Sufis sind alle Gottes Kinder.

Werden die Sufis auch von anderen Muslimen akzeptiert?

Es gibt Muslime, die den Sufismus kritisieren. Bei manchen, nicht bei allen Sufi-Orden spielen Praktiken wie Tanz und Gesang eine Rolle. Die haben häufig einen eher regionalen als religiösen Bezug. Das wird ihnen von solchen Muslimen, die den Islam von allen traditionalistischen Elementen "reinigen" wollen, vorgeworfen - weil es eben nicht direkt auf den Koran oder den Propheten zurückgeleitet werden kann. Sufi-Orden haben überdies häufig eine starke Orientierung auf eine Gründerfigur, einen Scheich, nach dem sie auch benannt werden - die Naqshbandis, um die es hier geht, etwa nach Naqshband, einem Gelehrten aus Buhara, der im 14. Jahrhundert lebte. Das wird ihnen von einigen Muslimen als Personenkult ausgelegt. Aber in Deutschland haben Sufis eine gute Stellung. Sie werden als Teil des Islams angesehen.

Gilt das auch für die Semerkand-Moschee?

Die Moschee ist unter türkischstämmigen Muslimen in Berlin bekannt und hat einen guten Ruf. Sie hat Kontakt zu anderen Gruppen, ihre Mitglieder gehen in andere Moscheen, und Muslime aus anderen Gemeinden besuchen den Gottesdienst in der Semerkand-Gemeinde.

Also eine Gruppe, vor der man keine Angst haben muss?

Ich halte die Angst vor Muslimen in den allermeisten Fällen für unbegründet - Aufmerksamkeit, nicht Angst wäre angebracht. Und gerade die NPD protestiert ja prinzipiell gegen alles Muslimische. INTERVIEW: ALKE WIERTH

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