Theatertreffen in Berlin: Die Simulation eines Dorfes

In der Non-stop-Installation "Die Erscheinungen der Martha Rubin" der Theatergruppe Signa kann der Zuschauer am Spielort übernachten.

Wenn der Zuschauer will, kann er so nah ran an die Schauspieler. Bild: berliner festspiele

Knapp zehn Minuten fährt man mit der S-Bahn von Berlin-Mitte in das städtische Niemandsland "Südgelände", das zwischen Autobahn, Schrebergärten und stillgelegten Industriegeländen liegt. Auch die neugebaute ICE-Trasse führt hier entlang. Später wird man in der ehemaligen Lokhalle, in die trotz strahlendem Sonnenschein nur trüb-gelbes Licht einfällt, ab und an einen Zug in großer Geschwindigkeit vorbeirauschen hören. Man weiß, dass die Halle eher ein Zufallsfund der Organisatoren des Theatertreffens war auf der Suche nach einem überdachten Ort, der Platz für ein ganzes künstliches Dorf bietet. Aber die Umgebung strahlt so viel Abseitigkeit und Vergessenheit aus, dass sie schon außen auf den im Inneren der Halle inszenierten Kosmos bestens vorbereitet.

In der Halle haben das österreichisch-dänische Künstlerpaar Signa Sørensen/Arthur Köstler und ihre 40 Schauspieler nicht nur eine Theaterbühne, sondern ein ganzes Dorf aufgebaut. Es liegt, so erfährt man am Eingang von einem strengen Officer, im militärkontrollierten Grenzgebiet zwischen North- und Southstate. Ein Bretterzaun umgibt das Dorf, das mehr an ein Flüchtlingscamp oder Zigeunerlager erinnert. Die Wohnwagen und verfallenen Holzhütten sind notdürftig mit Elektrizität versorgt. Im Lebensmittelladen werden Mehl und Zucker verkauft, selten mal Gemüse. Denn das Land ist verstrahlt. Gerüchte kursieren darüber. Kinder wurden seit langem nicht mehr geboren. Grünzeug wächst nicht - das zumindest kann man mit eigenen Augen bezeugen, während Anderes im Dunkel bleibt.

Denn ob man nun mit Elias redet, der wie ein Trunkenbold mittags um zwölf über ein leeres Wodkaglas gebeugt sitzt, mit seiner Tochter Cosmina oder im Massagestuhl des Schönheitssalons die Friseurin befragt, alle erzählen zwar redselig, aber jeder doch seine eigene Version der Geschichte und schmücken damit erst die Geheimnisse, die an diesem Ort vergraben scheinen.

Nach vier Stunden ist man abgefüllt mit Informationen. Zeit, zu gehen oder erst recht zu bleiben und sich bei der Militärbehörde ein Drei-Tage-Visum mit Übernachtungsberechtigung ausstellen zu lassen. "Je länger man bleibt, desto mehr versteht man, aber wann kann man schon alles wissen", orakelt die seltsame Heilige Martha Rubin alias Signa Sørensen, die in einer auf Stelzen gebauten Kapelle thront. Gleich in der ersten Nacht ließen sich manche Besucher ihr Übernachtungsvisum ausstellen.

Als "Die Erscheinungen der Martha Rubin" im vergangenen Oktober am Schauspiel Köln Premiere hatten, nahmen die Besucher mehrstündige Wartezeiten in Kauf, um an einem der drei Öffnungstermine Einlass zu bekommen. Jetzt ist die theatrale Simulation eines ganzen Dorfes zum Theatertreffen in Berlin eingeladen und läuft seit letztem Samstag nonstop acht Tage lang. Und vor dem Hintergrund der vielen eingeladenen Klassiker aus der Hand längst bekannter Regisseure scheint sie die einzige Spielwiese zu sein, ein radikaler Versuch, den Zuschauer aus der Beobachterperspektive auf die andere Seite zu ziehen.

Nichts ist schrecklicher, als von Schauspielern auf eine Bühne gezogen und zum Mitspielen gezwungen zu werden, wie es in dem Siebziger- und Achtzigerjahren häufig vorkam. Und doch ist genau das auch die große Sehnsucht des Theaters: die Grenze der Bühne aufzulösen, die sogenannte Vierte Wand zu Fall zu bringen, Zuschauer und Schauspieler näher in Kontakt zusammenzuholen.

Zum Mitmachen animiert einen Signa auf liebenswerte wie subtile Weise. Man wird schnell in Gespräche verwickelt, bekommt morgens Süßigkeiten und abends Wodka angeboten. Natürlich weiß man, dass die überschminkte Offizierin im strengen Kostüm so wenig echt ist wie die Geschichten über die seltsame Heilige Martha Rubin, und kann doch nicht anders, als sich einzulassen. Das Theater lebt vom Widerspruch, Dinge ernst zu nehmen, von denen man genau weiß, sie können gar nicht stimmen. Ruby Town treibt das noch einmal auf die Spitze.

Die Performance steht stellvertretend für eine Reihe von Projekten, die in den vergangenen Jahren entstanden sind und auch deshalb funktionierten, weil sie Nähe zu den Zuschauern suchten, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Es gibt Abende, wie den ebenfalls zum Theatertreffen eingeladenen "Hamlet" in der Regie von Jan Bosse, die den schützenden Raum des Theaterbetriebs nicht verlassen, aber Zuschauer und Schauspieler auf der Bühne, in diesem Fall einem spiegelverkleideten Krönungssaal, zusammenbringen. She She Pop hat es geschafft, in zu Ballsälen verwandelten Bühnen die Zuschauer regelrecht zum Tanzen zu bewegen, indem sie die Scham der Selbstdarstellung auf leeren Tanzflächen in ihr Gegenteil verkehrten.

Vor allem aber funktionieren solche Projekte dann, wenn die Zuschauer sich in einen Weltzusammenhang begeben, ohne instrumentalisiert zu werden. Beim Berliner Projekt "X-Wohnungen" zum Beispiel, das Theaterstücke in privaten Wohnungen verlegte. Oder bei Stefan Puchers "What are you afraid of?", das am Hamburger Schauspielhaus entstand und in einem Auto spielt. Vorne sitzen zwei Schauspieler, auf der Rückbank drei Zuschauer, auf einer Fahrt durch die Stadt, bei der man hinter der Inszenierung ständig die Realität und hinter der Realität die Inszenierung vermutet. Nach seiner Hamburger Intendantenzeit hat Tom Stromberg das Stück auch in anderen Städten spielen lassen. Und auch nach Ruby Town spaziert man erst einmal wie ein Tourist zu den Amish People: optisch aus einer anderen Welt, aber von der Andersartigkeit gefangen.

Die Gastfreundlichkeit, mit der man empfangen wird, ist nur das erste Lockmittel. Die Widersprüche, auf die man stößt, lassen einen bald nicht mehr los. Während der Northstate-Schulungsfilm am Eingang propagiert, dass die Rubinstädter nur niedere moralische Standards kennen, erfährt man im Dorf alsbald, dass die Northstate-Soldaten vor nichts zurückschrecken und nachts die Dorfmädchen vergewaltigen. Eine Seite versucht hier die andere auszustechen, das wird schnell klar, und man steckt irgendwie zwischen den Fronten. "Manipulativ sei das", kritisierte ein Teil der Theatertreffen-Jury, aber genau darin steckt die Stärke. Denn die Frage ist: Wie geht man damit um? Zumal einen die 40 Darsteller mit den unpopulären Infos immer dann konfrontieren sollen - so eine Direktive von Sørensen & Köstler -, wenn sich die Zuschauer gerade ganz besonders wohl fühlen.

Einer der Schauspieler erzählt, wie ihn auf der Performance in Köln einmal ein Zuschauer nicht nur zu beschimpfen begann, als er beim abendlichen Feiern in der Bar erzählte, er werde seine Tochter zwangsverheiraten, sondern dass dieser die Heirat am liebsten verhindert hätte. Solch überraschende und unkalkulierbare Reaktionen sind keine Pannen, sondern die Momente, wo es spannend wird, weil die Realitätsebenen verschwimmen, und darin ähnelt diese Installation den Projekten von Christoph Schlingensief.

Carl Hegemann, langjähriger Dramaturg an der Volksbühne Berlin, erinnert sich, wie bei der Parteigründungs-Aktion "Chance 2000" die Macher wie Mitspieler irgendwann nicht mehr wussten, welche Rolle sie eigentlich spielen. Ein Preis, den man für die Nähe zahlen muss. "Es war gleichzeitig traumhaft und alptraumhaft, wie viele Leute sich bei entsprechender Animation plötzlich selbst für Menschen hielten, die das Ruder in die Hand nehmen können. Wenn man versucht, die Vierte Wand zu sprengen, dann ist das auf der einen Seite befreiend, auf der anderen Seite chaotisch."

Während der "Chance 2000"-Aktion war im Garten des Praters in Berlin auch neun Tage lang eine Zeltstadt namens "Hotel Prora" aufgebaut, ein Vorläufer von Signa. Man konnte dort wohnen und mit Schlingensief zu Exkursionen in die Stadt ausschwärmen, mit dem Unterschied, dass Zuschauer für fünf Euro auf einer Tribüne den anderen beim Wohnen zusehen konnten.

Zuschauer gibt es bei Signa nicht mehr. Nur Handelnde, die auf die Bewohner in einem totalitären Staat treffen. Noch extremer hat es Signa im vergangenen November in der Krankenhaus-Installation "The Dorine Chaikin Institute" im Berliner Ballhaus Ost betrieben, wo man als Patient in Anstaltskleidung ein Bett und eine Krankenschwester zugewiesen bekam und schnell lernte, wie man der Aufmerksamkeit der Ärzte entgeht: tun, was von einem verlangt wird. Wie konditionierbar der Mensch durch seine Umgebung ist, ist ein Thema, das auf der Bühne immer wieder verhandelt wird. Es in spielerischen Situationen am eigenen Leib zu erfahren, ist eine Zuspitzung wie eine Bereicherung.

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