Tanzsport versus Bühnentanz

Hochburg gegen Hochburg

In Bremen treffen zwei Protagonisten des modernen Tanzes auf den Tanzsport der Lateinformation des Grün-Gold-Clubs. Doch die Welten bleiben sich fremd.

So sehen WeltmeisterInnen aus Foto: Carmen Jaspersen (dpa)

BREMEN taz | Tanz und Tanz, soviel ist jetzt sicher, passen gar nicht zusammen. Aber das macht nichts. Und diese, ja nicht einmal überraschende Erkenntnis spricht auch gar nicht gegen das Stück.

„And now with music“ gleicht ohnehin eher einer Versuchsanordnung, und von Anfang an ist dieser Test eher von forschender Neugier getragen denn von einer klaren These. Es ist ein Selbstversuch der beiden TänzerInnen Magali Sander Fett und Tomas Bünger. Die beiden waren unter dem Choreografen Urs Dietrich viele Jahre lang feste Ensemblemitglieder am Bremer Theater, ehe sie 2013 das Tanz-Kollektiv-Bremen gründeten. Und nach all der Zeit, in der sie eben nur zeitgenössischen Tanz gemacht haben, erkunden sie nun ihre eigene Welt aus dem Blickwinkel des Tanzsports: Sie haben sich auf die Lateinformation des Grün-Gold-Clubs Bremen eingelassen, die im Dezember gerade wieder mal Weltmeister geworden sind, zum achten Mal jetzt schon. Das Ergebnis ist an diesem Wochenende in der Bremer Schwankhalle zu sehen.

Die Idee zu diesem Stück ist im Grunde naheliegend, zumal Bremen eben nicht nur seit Langem ein Zentrum des Tanzsportes ist, sondern auch des zeitgenössischen Tanzes. Trotzdem ist sie immer noch neu. Nicht obwohl, sondern vielleicht gerade weil beide Sparten des Tanzes hier auf sehr hohem Niveau arbeiten.

Viele Spielarten, viele renommierte ProtagonistInnen des modernen Tanztheaters sind eng mit Bremen verbunden, seit Johann Kresnik es hier in den Sechzigern neu erfand. Viele, die in dieser Szene einen großen Namen haben, waren hier: Reinhild Hoffmann, Susanne Linke, fast alle, so scheint es, außer Pina Bausch. Sie machten aus dem Tanz- ein politisches Theater – fortan sollte es eine Aussage bekommen, die Gesellschaft reflektieren und dabei die traditionelle Ballett-Ästhetik hinter sich lassen.

Ein „Kuriosum“

„Die Profitänzer aus dem zeitgenössischen Tanz sehen Formationstanz wohl eher als Kuriosum“, sagte Tomas Bünger in einem Interview mit der Kreiszeitung.

Und umgekehrt ist es genauso: „Wir belächeln diese Tänze, bei denen alle auf dem Boden herumrollen“, sagt einer der Tänzer von Grün-Gold in einem der Videos, die in dem Stück die mehrwöchigen Recherchen des Tanz-Kollektivs widerspiegeln. Dass Bremen auch eine Hochburg des Tanztheaters ist – das war ihm „völlig neu“. Hier treffen zwei Welten aufeinander, die sich nur auf den ersten Blick irgendwie nahe sind. Beide begegnen sich auch in Bremen so gut wie nie.

Dass Bremen eine Hochburg des Tanztheaters ist, war dem Mann von Grün-Gold „völlig neu“. Er belächelt diese Tänze, „bei denen alle auf dem Boden herumrollen“

Leider, und das hätte den Perspektivwechsel von Magali Sander Fett und Tomas Bünger sicher noch spannender gemacht, ist dieser Versuch ein einseitiger. Der Platz für das zweite Paar, eines von Grün-Gold, bleibt leer. Aber die SpitzensportlerInnen aus dem Team um den künstlerisch durchaus ambitionierten Choreografen Roberto Albanese haben eben alle einen Beruf zum Geldverdienen und neben dem Training deshalb kaum Zeit für ein Projekt wie dieses. Im vergangenen Jahr wurde die Bremer Lateinformation gerade das fünfte Mal in Folge Weltmeister und zum zehnten Mal Deutscher Meister. Selbst die B-Mannschaft um Uta Albanese tanzt bundesweit ganz vorn mit. An einer Choreografie, die im Oktober aufgeführt wird, arbeiten die TänzerInnen von Grün-Gold seit April.

Anders als im Bühnentanz gibt es im Tanzsport immer „ein Richtig und Falsch“, sagt Bünger. Es geht nicht um den Stil oder den Einzelnen, es geht erst einmal um reine Technik, um die möglichst perfekte Einhaltung der vorgegebenen Regeln. In der Formation wird daraus eine Art Massenphänomen – und genau daraus bezieht sie auch ihre unglaubliche Energie, ihre Faszination. Zugleich bekommen die TänzerInnen etwas maschinenhaftes, selbst wenn ihre Bewegungen natürlich wirken. Und die Choreografie ein wenig den Charakter eines Aufmarsches, einer Parade.

Das „absolute Einheitsgefühl“

„In der Formation weißt du, wo du hingehörst“, sagt einer der Tänzer von Grün-Gold. Und das „absolute Einheitsgefühl“, dass daraus entsteht, macht eben auch den „Kick“ aus. Dass gerade der lateinamerikanische Tanz dabei auch die überkommenen Rollenklischees unhinterfragt weiter trägt, der Mann also führt und die Frau eben folgt, ist klar. Auch wenn Magali Sander Fett am Ende fragt: Kann nicht auch mal die Frau der Mann sein – und andersherum? Aber um solche Dimensionen geht es im Tanzsport halt nicht.

Am Ende entzaubert „And now with music“ den Mythos von Grün-Gold, ein wenig jedenfalls. Ihren Tänzen, der Rumba etwa, begegnen die beiden TänzerInnen immer wieder mit Ironie, und vielleicht steckt auch ein wenig eigene, vielleicht auch ungeliebte Erinnerung darin: Die beiden mussten all das ja auch mal lernen. Manchmal bewegt sich das Stück dann an der Grenze zur Überheblichkeit, und natürlich kommen Magali Sander Fett und Tomas Bünger am Ende zu dem Ergebnis, dass ihre eigene die überlegene Form des Tanzes ist. Tanzsport ist eben näher am Ballett als am modernen Tanz. Und damit, zumindest aus dessen Sicht, eine Art Relikt.

Liebenswert selbstironisch

Liebenswert gebrochen – und damit auch wieder angemessen respektvoll – wird das Stück, weil die beiden TänzerInnen auch die nötige Selbstironie haben. Sie haben kein Scheu, sich auch über sich selbst lustig zu machen. Eines ihrer Videos, mit „Lernen“ überschrieben, zeigt auf ganz wundervolle, witzige Weise, wie sehr das Paar deklassiert wird, sobald es sich auf das Terrain von Grün-Gold begibt. Dieser empirische Versuch degradiert sie zu AnfängerInnen – und hält ihnen eben auch selbst einmal den Spiegel vor. Denn natürlich kann es hier nicht darum gehen, genauso gut zu sein wie die TänzerInnen von Grün-Gold.

Am Ende ist der Versuch von Magali Sander Fett und Tomas Bünger nicht gescheitert. Aber er hat die beiden Welten, ihre Traditionen und Sichtweisen eben auch nicht näher zusammengebracht. Enttäuscht kann nur sein, wer etwas in dieser Art erwartet hat. Der Abend ist ein ganz wunderbarer.

Übrigens auch, nein: gerade für jene, die es sonst nicht so mit dem Tanztheater haben, sondern lieber ins Schauspiel gehen (oder ins Kino). Schließlich ist „And now with music“ auch sehr viel geerdeter und weniger abstrakt als es Tanztheater sonst oft ist.

13., 14., 15. Januar, jeweils 20 Uhr, Schwankhalle Bremen, Buntentorsteinweg 112/116

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