Syrischer Schmied bei Facebook: Die Liebste und das Regime

Aboud Saeeds Facebook-Miniaturen über den Alltag im Bürgerkrieg sind persönlich, politisch, lyrisch, witzig – und jetzt als E-Book erschienen.

„Und, wie geht’s so? Gibt’s bei euch immer noch Probleme?“ – „Das sind keine Probleme, das ist ’ne Revolution“ Bild: ap

Es passiert nicht oft, dass jemand ohne Absicht, quasi aus Versehen, ein Buch schreibt. Und es passiert noch viel seltener, wenn dieser Jemand ein syrischer Schmied ist, der kaum Möbel besitzt und mit seinen sieben Geschwistern in einem Zimmer schlafen muss.

Aboud Saeed ist so ein syrischer Schmied. Er ist 30 Jahre alt, lebt in der Provinz von Aleppo im Norden Syriens und gerade ist sein erstes E-Book erschienen: „Der klügste Mensch im Facebook. Statusmeldungen aus Syrien.“

Denn Saeed hat einen Laptop und seit 2009 auch ein Profil bei Facebook, wo er täglich über sein Leben berichtet. Wie Millionen andere Leute schreibt er über Rauchen und Kaffeetassen, übers Verliebtsein und seine Arbeit. Nur eben aus Syrien, aus einem Land, wo die Regierung ihre Bevölkerung bombardiert.

Es gibt ein neues Feindbild: Den Kampfradler. Sagt der Verkehrsminister. Stimmt, sagt unser Autor in der Titelgeschichte der neuen taz.am wochenende vom 27./28. April 2013. Mit großen Reportagen, spannenden Geschichten und den entscheidenden kleinen Nebensachen. Mit dem, was aus der Woche bleibt und dem, was in der nächsten kommt. Dazu ein Ortsbesuch in Schalkau, wo die Energiewende konkret wird. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im Wochenendabo.

„30. Dezember 2011 um 00:07 – Ich werde alles schreiben, was ich gerade denke / über die Leere / die aus mir einen Pseudo-Dichter gemacht hat. 34 Likes“, so beginnt Saeeds Buch. Vor jeder Statusmeldung steht das Datum und die Uhrzeit, darunter die Anzahl der Likes, die Saeed dafür bekommen hat. Wie auf Facebook, nur die Kommentare anderer User wurden weggelassen.

Die Konstruktion des Ich

Aboud Saeed schreibt persönlich, politisch, lyrisch, witzig. Manchmal abwechselnd, manchmal alles gleichzeitig. Er schreibt „Möge der Tyrann fallen!“ und im nächsten Eintrag darüber, wie er seiner Mutter das Rauchen beigebracht hat. Und manchmal bricht das Politische in denkbar ungünstigen Momenten in sein Leben: „Am Telefon / genau, als sie beschloss, mir zu verraten, was sie anhat / warf das Flugzeug die Bombe ab.“

Es lässt sich kaum sagen, wie viel davon real ist und wie viel fiktiv oder literarisch. Denn irgendwie zeigen Social-Media-Profile natürlich immer konstruierte Persönlichkeiten und Wunschidentitäten, genau wie früher Poesiealbumeinträge.

Wie bei vielen Leuten sind Saeeds Facebook-Meldungen eine Mischung aus Selbstdarstellung, zugespitzten Anekdoten und Aphorismen, deren Wert sich in Likes misst. „Oh, meine Liebste, du und das Regime / Ihr unterdrückt mich“, schreibt Saeed, und ob es diese Liebste gibt, ist um der Pointe willen eigentlich egal.

Die Beiträge für das Buch wurden ausgewählt und aus dem Arabischen übersetzt von Sandra Hetzl, die als Netzaktivistin, Dokumentarfilmerin und Übersetzerin arbeitet. Verlegt wurde es von Nikola Richter, die Anfang des Jahres den Berliner Verlag Mikrotext gegründet hat.

Hier sind wir nackt

Der erste Kontakt zwischen Richter und Saeed kam im Januar dieses Jahres zustande, im März erschien das E-Book. Da Saeed kein Autor im klassischen Sinne ist, verliefen auch die geschäftlichen Gespräche mit ihm nicht wie üblich.

„Wir haben per Facebook und Skype gechattet“, sagt Verlegerin Richter, „er fand die Idee mit dem E-Book gut, hat aber auch gleich gesagt, er will mich im Bikini sehen, wenn er mal nach Deutschland kommt.“ Der Autor sei eben daran gewöhnt, im Chat zu flirten. „Ich hab ihm gesagt, hier in Deutschland sind wir am Strand aber alle nackt“, erzählt Richter und lacht.

„Der klügste Mensch im Facebook“ ist die erste Veröffentlichung des Mikrotext-Verlages. Hier sollen immer zwei thematisch zusammengehörende E-Books gleichzeitig erscheinen – im Frühjahr 2013 ist das neben Saeeds Buch ein Aufsatz von Alexander Kluge: „Die Entsprechung einer Oase“.

Verlegerin Richter nennt das, was sie macht, „E-Book-Basisarbeit“. Sie will das E-Book nicht als Ersatz oder Nebenprodukt zum gedruckten Buch verkaufen, sondern eigene E-Book-Formate entwickeln: kleine, teilweise auch experimentelle Texte, die man etwa auf dem Smartphone in der U-Bahn lesen kann. Die Statusmeldungen von Aboud Saeed sind für Richter ein Beispiel dafür, wie Literatur heute entstehen kann: zufällig, in ungewohnter Form, auf neuen Medien.

Der Titel „Der klügste Mensch im Facebook“ ist ein Zitat von Saeeds Mutter, die nicht schreiben kann, aber inzwischen weiß, wie Smileys funktionieren und die der Nachbarstochter verbietet, ihrem Sohn Herzchen auf die Pinnwand zu posten. Es müsste „auf Facebook“ heißen, und Saeed selbst hat sich mehrfach so genannt: „Ich bin der klügste Mensch auf Facebook.“ Aber Saeeds Mutter sagt eben: „Das ist Aboud, mein Jüngster. Er ist der klügste Mensch im Facebook.“

Zwei verwobene Leben

Viele von Saeeds Statusmeldungen beziehen sich auf Facebook selbst, auf seine Flirts im Chat („Ich liebe dich. Solange du online bist“) oder darauf, wie er zögert, dass regimetreue Mädchen aus seiner Freundesliste zu löschen, weil es doch Bilder von sich im Bikini postet.

So ungewohnt es ist, die Beiträge so aneinandergereiht zu lesen, so zusammenhanglos, wie sie aufeinander folgen, ergeben sie doch eine Geschichte, ein Porträt des Autors und der Gesellschaft, in der er lebt. Sie zeigen aber auch, wie eng verwoben das reale und das virtuelle Leben sein können und dass das eine nicht eine weniger wahre Variante des anderen ist.

Bei jemandem wie Saeed, der zu Hause so wenig Raum für sich selbst hat, dass er seine Liebesbriefe im Hühnerstall verstecken muss, ist der virtuelle Raum vielleicht sogar noch wichtiger, weil er dort Intimität und Abenteuer erleben kann, ohne dass seine ganze Familie zusieht.

Für alle, die Arabisch lesen können, geht Saeeds Geschichte auf Facebook weiter. Wer sich mit ihm anfreundet, kann seine aktuellen Statusmeldungen lesen – wenn Saeeds Internetverbindung funktioniert, was in Syrien momentan nicht immer der Fall ist. Allerdings nimmt der Autor nicht mehr alle Freundschaftsanfragen an, um nicht das Maximum von 5.000 zu erreichen – und weil er es nicht nötig hat, als „klügster Mensch im Facebook“.

Aboud Saeed: „Der klügste Mensch im Facebook. Statusmeldungen aus Syrien“. Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl, Verlag Mikrotext, etwa 250 Seiten auf dem Smartphone, 2,99 Euro

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