■ Surfbrett: Eine Fundgrube für verlorene Reime
Wer könnte je Zeilen vergessen wie diese: „Der Wind, von sprühenden Tropfen naß, /fuhr pfeifend über das Dünengras“? Ergeifend, doch selbst Germanisten wissen nicht mehr, wer sie geschrieben hat. Die Antwort ist unter www.uni-giessen.de/gi04/MM/gedichte/ gedliste.html zu finden. Ein Prachtstück, das Magnus Müller aus reiner Liebe zum Reim ins Netz gestellt hat. (Ohne Fleiß kein Preis.) Müller verwaltet die Website des Liebig Museums an der Uni Gießen und findet noch genug Zeit für die deutsche Dichtung. Auch für die große, die er in einer „willkürlichen Auswahl“ abgetippt hat. Recht so, alles wirklich Große ist willkürlich, und so kann man denn ohne gelehrte Vorwarnung Zeilen wie diese auf den Bildschirm holen: „Mir ist zu licht zum Schlafen, /Der Tag bricht in die Nacht, /Die Seele ruht im Hafen,/ Ich bin so froh erwacht.“ Das hat Ludwig Achim von Arnim geschrieben – ein Unvergessener.
Aber was ist mit den anderen, fragte sich Müller und richtete in diesem Frühjahr einen Suchdienst für verlorene Poesie ein. Mal kennt jemand nur einen Vers, ein anderer nur einen Namen, Müllers Forum bringt alles wieder zusammen. Anfragen sind an die Adresse magnus.mueller@med-vet.uni-giessen.de zu richten.
So konnte sogar die windige Ballade vom nassen Dünengras komplett mit dem Faksimile einer Druckausgabe rekonstruiert werden – eine Grafik von 75 Kilobyte. Michaela Mühl, der die Wiederentdeckung zu verdanken ist, war „zu faul zum abtippen“, wie sie schreibt. Das längliche Verswerk stammt von der Dichterin Lulu von Strauss und Thorney, die zwischen 1873 und 1956 gelebt hat. Was sie außerdem hinterließ, kann nur schweren Herzens erahnt werden, das Ende läßt eine gewisse Tragik erkennen: „In langem Schweigen erstarb ihr Wort. / Die Wanduhr tickte am Herde fort, / sacht maß den Takt zu dem Liede sie, / das um die Fenster der Weststurm schrie ...“ niklaus@taz.de
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