berliner szenen: Stress wegen der Klimakleber
Erster Sonntag im Monat, Museumssonntag, freier Eintritt. Wie so oft bei Museumsbesuchen kehre ich zu den Gemälden, die mir gefallen, zwei-, dreimal zurück. Andere ignoriere ich, wieder andere bezähmen mich im Vorübergehen nach und nach bis zur Freundschaft.
Ein junger Besucher, Lockenhaar, leger, geht ähnlich wie ich vor, auch er vagabundiert. Doch: Eine Museumsaufsicht verfolgt ihn schattengleich.
„Wieso tun Sie das?“, fragt der Lockige nach einiger Zeit. „Wegen der Klimakleber“, informiert ihn die Aufsicht. „Aber – “, sagt der Lockige leicht irritiert, „Ich will mir nur in Ruhe die Ausstellung angucken. Das ist doch ein Museum. Oder?“ Die Aufsicht sagt freundlich, fast entschuldigend: „Wir haben Anweisung, wachsam zu sein.“
Der Lockige klopft, eine Durchsuchung andeutend, seinen Körper ab. „Aber – ich habe nichts zu verbergen!“
Eine Mitarbeiterin tritt hinzu. Die Aufsicht erklärt ihr etwas. Die Neue reagiert nicht.
„Hören Sie. Ich singe heute Abend ein Konzert“, sagt der Lockige, „Sich vorher noch ungestört ein paar Gemälde anzuschauen, ist das nicht möglich? Kunst, nicht Stress. Bitte, lassen Sie …“
In den letzten Satz des Lockigen raunt die Neue: „Ich dachte, der hat nur Fußball im Kopf.“ Das habe ich gehört. Der Satz bleibt gefriergetrocknet im Raum stehen.
„Wie bitte?“, frage ich höflich. Doch anstelle einer veritablen Standpauke – pruste ich los. Und dann auch der lockige Sänger.
Wir verlassen das Museum und schlendern mit abschwellendem Gelächter Richtung Philharmonie. Am Bühneneingang rufe ich noch „Toitoitoi“ ins sich automatisch schließende Schiebetürmaul, während der Sänger drinnen der Pförtnerin seinen Namen nennt. Dann ist er im Scharoun'schen Kunstwerk verschwunden. Stressfrei. Felix Primus
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