piwik no script img

Streit um Cover des „Rolling Stone“Der „Durchgeknallte“

Der „Rolling Stone“ zeigt den mutmaßlichen Boston-Attentäter Jahar Tsarnaev auf dem Cover. Das Selbbstporträt sorgte für harsche Kritik.

Eigentlich war alles wie immer. Am Dienstag stellte der amerikanische Rolling Stone das Cover seiner Augustausgabe vor. Reporterin Janet Reitman hat im Umfeld des mutmaßlichen Boston-Attentäters Jahar Tsarnaev recherchiert und ein langes Porträt geschrieben. Über den Inhalt ihrer Geschichte ist nichts bekannt, dennoch waren die Reaktionen harsch.

Auf Twitter wurde das Cover als Anleitung für den nächsten „Durchgeknallten“ bezeichnet, auf der Facebookseite des Rolling Stone als „geschmacklos“. Mehrere Einzelhandelsketten haben sich schon geweigert, die August-Ausgabe des Blattes zu verkaufen. Und das alles wegen eines Bildes?

Dabei geht es nicht um irgendein Bild. Es ist ein Selbstporträt von Jahar Tsarnaev, eins dieser Porträts, wie sie Teenager zu Hundertausenden schießen. Tsarnaev schaut mit verwuschelten Locken, dunklen Augen und Zwei-Tage-Stoppeln in die Kamera. Die Farben sind verwaschen, das Bild ist ein bisschen unscharf: ein wirklich hübscher, nachdenklicher junger Mann mit einem Blick wie Jim Morrison, dem Sänger der Doors, der mehrmals auf dem Cover des Rolling Stone war.

Mittlerweile ist es zum offiziellen Porträt Tsarnaevs geworden. Kurz nach den Anschlägen war es auf der Titelseite der New York Times, damals blieb die Empörung aus. Und es ist das Bild der „Free Jahar“-Bewegung, einer Ansammlung aus Verschwörungsthereotikern und Gegnern der Todesstrafe, die glauben, dass Jahar Tsarnaev von seinem großen Bruder zu seinen Taten verführt wurde. „Jahar is innocent“ steht dann in Großbuchstaben über den Locken.

Popikone Charles Manson

Die Aufregung um das Cover hat ihren Ursprung im Mythos des Rolling Stone. Es wirkt wie ein Nachhall der Hochphase des Musikjournalismus. Damals waren die Titelbilder des Rolling Stone ein Ritterschlag für Musiker. Denn Tsarnaev ist nicht der erste Serienmöder als Coverstar.

1970 zierte Charles Manson, der 1969 zusammen mit seiner Sekte die schwangere Schauspielerin Sharon Tate brutal ermordetete, den Titel des Magazins. In den 1990ern wurde Manson zur Popikone, aber mit einem anderen Bild. Auf Postern und T-Shirts sieht man ihn mit einem verwirrt starrendem Blick. Auch dies ist ein Bild, wie es täglich einige hundert Mal gemacht wird: Es war das Polizeifoto von Mansons Verhaftung.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare