Stiller Wandel: Es geht auch ohne Haasenburg

Die Warteliste für geschlossene Heime ist von zwölf auf vier Jugendliche geschrumpft. Kinder bekommen offene Betreuung in Hamburg.

Ist inzwischen weniger gefragt: Heim der Haasenburg. Bild: dpa

HAMBURG taz | Hamburgs Bedarf an Plätzen in geschlossenen Heimen ist knapp drei Monate nach dem Belegungsstopp für die umstrittenen Heime der Haasenburg GmbH in Brandenburg gesunken. Noch im Juli hatte Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) im Familienausschuss gesagt, es gebe bei dem für delinquente Jugendliche zuständigen Familieninterventionsteam zwölf Minderjährige, für die ein Antrag auf geschlossene Unterbringung bei Gericht „kurz vor der Beschlussfassung“ stehe. Inzwischen zählt seine Behörde noch vier Kandidaten.

Für zwei Jugendliche gebe es einen Beschluss, sagt Sprecherin Nicole Serocka. Für zwei weitere lägen Anträge bei Gericht. Auf die Frage, was aus den übrigen Anträgen wurde, antwortet die Behörde etwas gewunden: „Hilfeplanung ist kein Zustand, sondern ein laufender Prozess.“ Wenn sich im Leben der Minderjährigen etwas ändere, habe das eben auch Auswirkungen auf besagte „Hilfeplanung“.

Offenbar wurden Anträge auf geschlossene Unterbringung schlicht zurückgezogen. Denn eine Unterbringung in anderen geschlossenen Heimen gab es laut Behörde seit Juli definitiv nicht. Auch hätten die Gerichte keinen Antrag abgelehnt.

Hamburg hat seit 2008 über 50 Kinder in die Haasenburg-Heime geschickt, vier sind derzeit dort.

Nach Misshandlungsvorwürfen hatte Brandenburg einen Belegungsstopp für die drei Heime verhängt. Seit September darf ein Heim wieder Kinder aufnehmen, Hamburg schickt aber noch keine.

Nach dem Heim-Skandal fragen wir im taz Salon am 15. Oktober (19.30 Uhr, Kulturhaus 73) Experten nach "Alternativen zu geschlossenen Heimen".

„Wir wissen, dass für einige Kinder, für die geschlossene Unterbringung geplant war, andere Lösungen gefunden wurden“, bestätigt Jaqueline Gebhardt vom Straßenkinder-Projekt Kids. Hamburg greift verstärkt auf offene Hilfen zurück. So berichtet Ulrike Großbongardt vom kirchlichen Träger „Das Rauhe Haus“: „Wir betreuen mehrere Kinder, die vom Familieninterventionsteam kommen, in unseren Räumen.“

Und auch die „Hamburger Kinder- und Jugendhilfe e. V.“ betreut derzeit einen Jugendlichen, der bis vor Kurzem in einem Haasenburg-Heim war. „Die Alternative, die wir bieten, ist keine feststehende Einrichtung“, sagt Regionalleiterin Annette Dubois. Man schaue, was die Jugendlichen brauchen, und baue ein Netzwerk auf.

Am Dienstag hatten die Grünen Experten zu einem Gespräch über Alternativen zu geschlossenen Heimen eingeladen. Es sei deutlich, dass man keine neue Einrichtung brauche, sagt Jugendpolitikerin Christiane Blömeke. „Wenn wir das Geld, das in die geschlossene Unterbringung floss, in die in vorhandenen Angebote stecken, braucht man keine neuen.“

„Man sieht an dieser abgeschmolzenen Liste, dass es gelingt, individuelle Lösungen zu stricken“, sagt auch Diakonie-Jugendhilfererefernt Martin Apitzsch. Ohnehin sei bekannt, dass Kinder, die in ein geschlossenes Heim kämen, sich von jenen in offenen Einrichtungen nicht unterscheiden. „Auch dort haben wir Kinder, die sich selbst verletzen, oft weglaufen oder Probleme mit Aggressionen und Drogen haben.“ Nötig sei ein Unterstützungsnetzwerk für die Kinder – und auch „die Stützung durch die politische Ebene“. Eine Lösung, bei der es gar keine Probleme mehr gibt, „die gibt es nicht“, so Apitzsch.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de