piwik no script img

Stefan Alberti wundert sich, warum Alltagsradeln schon als Sport giltVom Verlust der natürlichen Automobilität

Oh, so sportlich heute.“ Ich schaue an mir runter: Anzug, Mantel. Es muss am Fahrrad liegen, worauf sich der Mann am Kircheneingang bezieht – aber das ist auch keine Rennmaschine, sondern ein 42-Euro-Ebay-Kauf. „Na, da ist aber einer sportlich unterwegs“, sagt die Frau vor dem Supermarkt – dabei bin ich doch kaum einen Kilometer zum Einkaufen geradelt. Irgendwie muss da eine Begriffsveränderung an mir vorbeigegangen sein. Als Sport gilt offenbar inzwischen jegliche Fortbewegung, die nicht im Auto stattfindet. Dass Radfahren purer Alltag sein könnte, schlicht Einsatz natürlicher Körperkraft zwecks umweltfreundlicher Fortbewegung, scheint im Vorort, fern aller hipsteriger Innenstadt-Rad-Fans, stellenweise unvorstellbar.

Was schade ist. „Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft“, hat die charismatische Lau-Ikone Emil Zátopek mal festgestellt. Wahrscheinlich hätte er nichts dagegen gehabt, das auszuweiten durch „… oder fährt Fahrrad“. Was Zátopek zum Ausdruck bringen wollte: Der Mensch ist durchaus selbst in der Lage, sich fortzubewegen.

Vor allem, weil er ja schon rein sprachlich sein eigenes Automobil ist. Denn was bedeutet dieses Wort dem griechisch-lateinischen Ursprung nach anders als „selbst bewegend“? Aber klar, Latein ist ja6 auch schon bald abgeschafft und ersetzt durch Fächer wie Digitales oder Computer. Das ist dann qua neue Definition auch halber Sportunterricht – jedenfalls in Zeiten, in denen Am-Bildschirm-Daddeln „E-Sport“ heißt und staatliche Förderung bekommen soll.

Sich auf Zátopek’sche Weise selbst von A nach B zu bewegen und dazu eigene Kräfte zu benutzen? Wieso? Um irgendwo hinzukommen, gibt es doch diese mit Benzin oder Diesel betriebene Kutsche vor der Tür. Das Fahrrad hat man natürlich auch noch – für den Sport halt, also Ausflüge am Wochenende.

Das US-Gesangs-Duo Zagger und Evans hat in seinem Klassiker „In the year 2525“ vor fast fünf Jahrzehnten eine apokalyptische Vorstellung solcher körperlicher Selbstentmachtung formuliert: „Your legs got nothin’ to do, some machine’s doin’ that for you“, heißt es da etwa. 1969, als das erstmals zu hören war, schien das eine ferne böse Utopie, fast fünf Jahrzehnte später aber … hmm.

Radfahren sei was für die Fitten und diskriminiere Ältere, ist als Reaktion auf solche Betrachtungen oft zu hören. Kolumen-Ikone Harald Martenstein behauptete mal im Tagesspiegel: „Ältere, Schwangere, Kinder oder Behinderte sind da schon mal raus.“ Wieso denn? Natürlich gibt es Behinderungen und Belastungen, mit denen Radfahren nicht möglich ist. Aber ist Schwangersein eine Krankheit? Haben Kinder keine Muskeln in den Beinen? Und warum sollen Ältere per se unfit sein? Von A nach B kommt man auch gemächlich und ohne Profi-Tempo – das kann man ja gern den Sportlern überlassen.

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen