piwik no script img

StandbildObacht, Kinder!

■ "Das Sandmännchen"

„Das Sandmännchen“, Di., 18.53 Uhr, 3 sat

Liebe Leser, gebt fein acht. Ich habe Euch was mitgebracht: Das gegenwärtig auf 3 sat gesendete „Sandmännchen“ kommt in Wahrheit aus dem Osten. Es handelt sich noch um Restbestände aus den Archiven des DDR-Fernsehens DFF. Das Ost-Sandmännchen, das dieses Jahr sein 35. Jubbiläum feiert, wurde 1959 von einem Herrn Behrend erfunden und ist das oft kopierte Original. Das überrascht nicht, denn das DDR- Kinderprogramm war für seinen hohen Standard an Puppen- Animationen bekannt. Die kurzen Geschichten der gegenwärtigen ZDF-Kindersendung „Siebenstein“ zeugen noch heute von dieser kunstfertigen Tradition.

Über den nostalgischen Wert hinaus birgt das Sandmännchen allerdings auch einige finstere Seiten. In Form einer pädagogisch verbrämten Abschreckung wußten Generationen von Kindern: Jetzt muß ich ins Bett! Widerstand zwecklos. Springt da das Fernsehen nicht allabendlich in die Bresche, vertuscht es nicht den Autoritätsverfall der bürgerlichen Familie, um mit diesem Hilfsdienst die tragische Abwesenheit des Vaters erst recht zu entlarven? Gehen wir in die Historie zurück: Motivisch verweist das Sandmännchen auf E.T.A. Hoffmanns Geschichte „Der Sandmann“. Diese Geschichte handelt grob gesagt davon, daß der Vater eines Jungen namens Nathanael als erziehende Autorität nichts zu melden hat und sich deswegen aufspaltet in einen Schlappschwanz und in ein Omnipotenz-Phantom mit Namen Coppelius. Das dem „Sandmann“ zugeschriebene Motiv des Sand-in-die-Augen- Streuens ist letztlich eine Kastrationsdrohung, was doch erst recht auf die phantasmatisch überhöhte Stützung der verlorenen Vaterautorität verweist!

Letztlich sind wir – trotz allem Sand in den Kritikeraugen – dann doch kaum überrascht, daß das Fernsehen hier millionenfach einen nicht unwesentlichen Teil der familiären Funktion übernimmt. Wiederholt das Ritual, gemäß dem Kinder nach dem Sandmännchen zu schlafen haben, doch in Wahrheit das Drama aus Hoffmanns Erzählung.

Sofern die wiedererstarkte Rechte nach einer diktatorischen Autorität ruft, handelt es sich möglicherweise um Opfer des Sandmännchens. Eine alptraumhafte Vorstellung. marie

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen