Stadt-Gesellschaft im Mittelalter: Migration nach Bremen

Frauenfreundlich und sozial? Endlich ediertes mittelalterliches „Bürgerbuch“ liefert überraschende Sicht auf Bremens Einwanderungs-Geschichte.

Vorne alt, hinten neu: Das mittelalterliche Bremer Bürgerhandbuch. Foto: Henning Bleyl

Bremen nahm im Mittelalter deutlich mehr Frauen als Neubürgerinnen auf als jede andere Stadt im deutschsprachigen Raum, von der „Bürgerbücher“ erhalten sind. Das ergibt eine erste Analyse des Verzeichnisses der Bremer Einbürgerungen zwischen 1289 und 1519, das nun in wissenschaftlicher edierter Form vorliegt. Auch die Zahl von Knechten, Mägden und anderen Abhängigen, die als Zuwanderer aufgenommen wurden, scheint deutlich höher als in anderen Städten gewesen zu sein.

Erklärungen für dieses Phänomen liegen bislang nicht vor. Quantitativ stützt sich die Aussage auf den Vergleich mit rund 200 überlieferten Bürgerbüchern anderer Städte. 70 Prozent bürgerten demnach überhaupt keine Frauen ein, die übrigen im Promille-Bereich.

In nur drei Gemeinwesen lag der jährliche Neubürgerinnen-Anteil über neun Prozent. Bremen hingegen weist zwischen 1289 und 1519 einen weiblichen Durchschnittswert von 18 Prozent auf. 1413 waren sogar zwei Drittel der NeubürgerInnen Frauen – eine ganz andere Dimension also als das andernorts zu beobachtende soziale Phänomen der Handwerker-Witwen, denen vereinzelt Bürger- und Zunftrechte eingeräumt wurden.

Für entsprechend relevant hält Konrad Elmshäuser, als Direktor des Staatsarchivs Herausgeber der Bürgerbuch-Edition, das nun zugängliche Material für die Sozial- und Genderforschung. Warum wurde eine solche Top-Quelle erst so spät frei gelegt? Weil sich die Bremer lange mit einer sehr fehlerhaften Abschrift aus dem 19. Jahrhundert begnügten.

Und während andere Städte in den 60er und 70er Jahren ihre entsprechenden Archivalien aufbereiteten, lag das Bremer Bürgerbuch als Kriegsbeute in der Leningrader Stadtbücherei. Ordentlich katalogisiert, aber für die hiesige Forschung unzugänglich.

Es ist das zweitälteste erhaltene Bürgerbuch. Nur das Augsburger ist neun Monate älter, endet aber bereits im 15. Jahrhundert. Die Bremer hingegen schrieben ihr Buch bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts fort. Ediert ist nun lediglich der erste Band, der zweite ist noch immer verschollen.

Doch auch diese Aufbereitung erforderte bereits jahrelange Mühe. Schon eine kurzer Name wie Koch komme in 16 Schreibweisen vor, sagt der Mediävist Ulrich Weidinger, der das Verzeichnis aus dem Lateinischen und Mittelniederdeutschen transkribiert hat.

Bei insgesamt rund 30.000 Namensnennungen sei es eine Mammut-Aufgabe gewesen, den Register-Anhang zu erstellen. „Eigentlich eine Arbeit für jemanden“, kondoliert Elmshäuser, „der Vater und Mutter umgebracht hat“. Weidinger habe das „bravourös gemeistert“.

Die Namen sind das Info-Kapital des Bürgerbuches. Da sich Familiennamen erst allmählich heraus bildeten, folgte die Benennung den Ursprungs-Orten und Berufen.

Das lässt entsprechende Rückschlüsse auf die soziale und geographische Herkunft der Bremer Neubürger zu: Zum größten Teil stammten sie demnach aus der unmittelbaren ländlichen Umgebung. Schuhmacher und Schmiede dominieren, am seltensten sind Topfgießer und Mistmacher.

Auch körperliche Merkmale bis hin zum Haarwuchs spielten bei der Erfassung eine Rolle: So entstanden etwa die späteren Familiennamen Grote oder Kraus.

Der anschließend zu leistende Bürgereid war allerdings keineswegs freiheitlich: Man schwor dem Rat Gehorsam – und „böse Reden“ unverzüglich anzuzeigen.

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