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Spielfilm zum Gaza-KriegDen Gefühlsregler konstant aufdrehen

„Die Stimme von Hind Rajab““ von Kaouther Ben Hania erzählt von einem wahren Todesfall in Gaza-Stadt. Er will emotionalisieren, wachrütteln und erschüttern.

Die Retter des Palästinensischen Roten Halbmonds versuchen in „Die Stimme von Hind Rajab“ ein Mädchen zu retten Foto: Studiocanal

„The Voice of Hind Rajab“ ist ein Kinofilm, der seine Zuschauerinnen und Zuschauer emotional zerstört zurücklässt. Niemanden, der ein schlagendes und fühlendes Herz in sich weiß, wird das hier dargestellte Schicksal des palästinensischen Mädchens, das in der Folge eines israelischen Angriffs auf seine Heimatstadt Gaza-Stadt getötet wurde, kaltlassen.

Der Film der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania beruht auf dem realen Fall der zum Zeitpunkt ihres Todes 5-jährigen Hind Rajab, die gemeinsam mit Familienangehörigen im Jahr 2024 – einer Anweisung des israelischen Militärs nach Süden zu fliehen Folge leistend – aus ungeklärten Gründen in deren Auto unter Feuer der IDF geriet.

Die Ereignisse trugen sich nach übereinstimmenden Berichten in der Nacht vom 29. Januar 2024 im Stadtteil Tel al-Hawa zu. Laut Recherchen internationaler Medien wie der Washington Post geriet der Wagen der Familie sowie ein herbeieilender Krankenwagen ins Feuer gepanzerter israelischer Fahrzeuge. Die IDF lehnt die Verantwortung für den Beschuss ab und erklärte, ihre Truppen hätten sich zum Zeitpunkt des Geschehens nicht in der Nähe befunden, eine Aussage, die im Widerspruch zu Medienrecherchen steht.

Der Film

„Die Stimme von Hind Rajab“. Regie: Kaouther Ben Hania. Mit Saja Kilani, Motaz Malhees u.a. Tunesien/Frankreich 2025, 89 Min.

Dem nun erscheinenden Kinofilm „The Voice of Hind Rajab“ ist weniger an einer Klärung der exakten Todesumstände der Familie gelegen als an einer emotional aufwühlenden Darstellung des verzweifelten Überlebenskampfes des Mädchens aus Perspektive seiner bemühten Retter. Dem Film liegen Tonaufzeichnungen besagter Nacht zugrunde, die aus der Einsatzzentrale der Palästinensischen Rothalbmondgesellschaft (PRCS) in Ramallah stammen, wo der Notruf des Mädchens und ihrer zunächst überlebenden Cousine einging.

Retter, die um Fassung ringen

Regisseurin Kaouther Ben Hania wählt für „The Voice of Hind Rajab“ ein halb dokumentarisches, halb fiktionalisiertes Szenario: Um die Tondokumente herum entwirft die Tunesierin ein dramatisiertes Schauspielgeschehen, das die verzweifelten Rettungsversuche in der örtlich entfernten Rettungszentrale schildert. Ein Reenactment der schicksalsreichen Nacht aus palästinensischer Perspektive, das seine Zuschauer mitten hinein in die Schaltzentrale der Hilfsorganisation versetzt, in der engagierte Helferinnen und Helfer im Fortgang der knapp 90-minütigen Handlung mit den wenigen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln um das Leben der 5-Jährigen kämpfen.

Das Ziel der Helfer, darunter die Diensthabenden Omar (Motaz Malhees) und Rana (Saja Kilani): einen Krankenwageneinsatz zu ermöglichen, der das Mädchen aus der Gefahrenzone bringt. Zuschauer erleben, mit welch psychischer Wucht die ins Telefon gesprochenen Sätze der 5-Jährigen die Helfer treffen. „Sie schießen auf mich“, „Sie sind alle tot“, „Es gibt nur noch Leichen“, hören wir das Mädchen sagen und bald flehen, dazu Nahaufnahmen der Gesichter der entsetzten, weitgehend hilflosen Retter, die um Fassung ringen, weinen, mitunter zusammenbrechen.

Die dramaturgische Steigerung des Films besteht in einem konstanten Aufdrehen des metaphorischen Gefühlsreglers. Die Lage wird für die in dem Einsatzraum Handelnden über die Spieldauer immer nur noch verzweifelter. Die Regisseurin lässt ihren Zuschauern dabei wenig bis kaum Spielraum, sich zu den Szenen gedanklich zu verhalten oder sich weiterführende Fragen zu stellen.

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Traile „Die Stimme von Hind Rajab“

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„The Voice of Hind Rajab“ ist ein Film, der vehement emotionalisieren, der wachrütteln, der erschüttern soll. Ein erzählerisch grobschlächtiger, beinahe schon erpresserischer Gestus, der Zuschauern abverlangt, durch übermäßige Nähe die emotionalen Zustände der Protagonisten zu teilen. Ben Hanias Dramatisierung bezieht an kaum einer Stelle einen breiteren Fokus etwa auf die palästinensische Gesellschaft mit ein.

Überwältigung auf Kosten des Originalmaterials

Nur einmal lässt ein Streitgespräch zwischen Omar und dem Leiter der Notfallzentrale, Mahdi (Amer Hlehel), der zur Rettung des Kindes auf eine Zusammenarbeit mit israelischen Stellen setzt, einen Eindruck von innerpalästinensischen Konflikten zu. „Wegen Leuten wie dir sind wir unter Besatzung“, wirft Omar dem Kollegen für seinen kollaborativen Ansatz vor.

Die Täter-Opfer-Struktur zwischen Israelis und Palästinensern ist eine stille Grundannahme von Ben Hanias seit seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 von vielen Kritikern gefeiertem Drama. So manch einer warf dem Film aber auch Einseitigkeit vor, da er den wichtigen Kontext des 7. Oktobers ausspare.

Nun ist es selbstverständlich kein geschriebenes Gesetz, dass ein Kunstwerk stets sämtliche Facetten eines Geschehens für seine Betrachtung miteinbeziehen muss. Ein Film darf radikal einseitig, durchaus auch parteiisch sein. Die Frage ist vielmehr, ob die erzählerisch-ästhetischen Setzungen bei Zuschauern zu einer vielversprechenden Auseinandersetzung führen.

„The Voice of Hind Rajab“ lässt mit seinem Überwältigungsgestus eine solche kaum zu, sondern erzielt seinen emotionalen Effekt auf Kosten des Originalmaterials, bei dem sich die Frage stellt, ob die Stimme eines toten Mädchens instrumentell zum Gegenstand von Dramatisierung werden sollte.

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