Soziales Gefälle

Berlin zerfällt in Arm und Reich

Wohlhabende Quartiere werden reicher, arme ärmer. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie zur Stadtentwicklung. Der Senat prüft neue Quartiersmanagements für Spandau und Reinickendorf.

Wedding, Kreuzberg, Neukölln: Berlins Problemzonen Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

Berlin zerfällt immer weiter in arme und reiche Quartiere. Das ist das Ergebnis der jüngsten Untersuchung zum Thema "soziale Stadtentwicklung", die die zuständige Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Mittwoch mit dem Stadtsoziologen Hartmut Häußermann vorgestellt hat.

Zuerst die gute Nachricht: Kreuzberg hat es geschafft. Nicht nur die angesagten Straßen im Bergmannkiez haben eine stabile Prognose, sondern auch der Wrangelkiez im ehemaligen SO 36. Stabil, das heißt in der jüngsten Untersuchung zur sozialen Stadtentwicklung in Berlin, dass sich die sozialen Indikatoren in der Zukunft nicht verschlechtern werden. Das gilt sowohl für die Bergmannstraße, die in Kategorie 2 von vier Kategorien steht, als auch für den Wrangelkiez, der mit der Nummer 3 nicht mehr zu den Schlusslichtern gehört.

Nun die schlechte Nachricht. Kreuzberg ist eine Ausnahme. "Wedding und Neukölln sowie Moabit haben Kreuzberg als Gebiet mit der höchsten Problemdichte abgelöst", schreibt das Autorenteam unter Leitung des Stadtsoziologen Hartmut Häußermann, das die Stadt in 310 statistische Zellen unterteilt hat.

Quartiere in der schlechtesten Kategorie 4 gibt es außer im Norden von Marzahn und Hellersdorf demnach im gesamten Altbaubereich von Neukölln, im westlichen, nördlichen und östlichen Moabit sowie nun auch im nördlichen Wedding. Mehr noch: Fast alle dieser Quartiere haben neben ihrer 4 auch noch ein Minus. Im Gegensatz zum Plus/Minus in der Bergmannstraße und im Wrangelkiez heißt das, dass sich die Situation in Zukunft noch weiter verschlechtern wird.

Häußermann hat in seiner jüngsten Untersuchung der sozialen und räumlichen Entwicklung Berlins vor allem soziale Daten ausgewertet: Arbeitslosenquote, Empfänger von Transferleistungen, Kinderarmut. "Der Anteil an ausländischer Bevölkerung spielte für uns keine Rolle, weil das nicht der entscheidende Indikator für die Zukunft eines Quartiers ist", sagt der Stadtsoziologe.

Das zeigt sich unter anderem in Spandau, das neben Reinickendorf zu den neu auf der Karte aufgetauchten Problemquartieren gehört. Dort konzentrieren sich die Probleme außer in den Großsiedlungen vor allem im Altbauquartier der Neustadt. Bei der Wilhelmstadt, wie die Neustadt auch ein Einwandererquartier, steht noch eine beruhigende 2 - allerdings mit einem dicken Minus dahinter.

Wo aber sind nun die Gewinnergebiete? Zunächst da, wo man sie auch vermutet: in Zehlendorf, Steglitz, Frohnau und Köpenick. Zu Kategorie 1 gehören auch die Einfamiliensiedlungen im Osten wie Kaulsdorf und Biesdorf. Aber auch Pankow hat sich vom armen Berlin abgesetzt. Sieht man vom Quartier rund um die Storkower Straße ab, gibt es nur noch Zweien und Einsen. Manche Quartiere wie Heinersdorf und Blankenburg haben sogar zu Zehlendorf aufgeschlossen.

Die entscheidende Frage in den nächsten Jahren wird sein, wie sich die statistische Mitte mit der Nummer 2 entwickelt, die immerhin 60 Prozent aller Quartiere ausmacht. Wird sie aufschließen zur 1 oder abrutschen in die Problemquartiere mit der 3 und der 4?

Aufschlussreich ist hier, dass von 191 Quartieren mit der Nummer 2 nur 25 ein Plus und 26 ein Minus haben. 140 Gebiete mit dem Mittelwert 2 dagegen haben ein Plus/Minus und bleiben damit auch in Zukunft stabil.

Dabei verläuft die räumliche Polarisierung auch in Zukunft entlang der Entwicklung, die die Quartiere in der Vergangenheit genommen haben. "Gebiete mit einem niedrigen Status werden sich negativ entwickeln, Gebiete ohne Probleme können mit einer positiven Zukunft rechnen", sagte Häußermann, der schon 1998 eine erste Analyse zur sozialen Stadtentwicklung vorgelegt hatte. Diese Studie hatte der Senat damals zum Anlass für die Einführung des Quartiersmanagements genommen. Die jetzige Untersuchung ist eine Fortführung des zweijährlich stattfindenden "Monitorings". In Zukunft sollen die Daten - Arbeitslosigkeit, Empfänger von Transferzahlungen, Wanderungsbewegungen - jedes Jahr ausgewertet werden.

Für Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer ist die jüngste Entwicklung auch "ein Hinweis darauf, dass wir mit unseren 33 Quartiersmanagement-Gebieten an der richtigen Stelle ansetzen". In manchen Gebieten wie dem Boxhagener Platz habe es sogar eine Stabilisierung gegeben. In Zukunft will Junge-Reyer auch weiter auf mehr Bildung und Ausbildung setzen. "Für die Zukunft von jungen Menschen und Kindern darf es nicht entscheidend sein, wo sie leben", so die Senatorin. Trotz der Probleme werde man an einer Politik festhalten, "die gleiche Chancen und Lebensbedingungen in der ganzen Stadt zum Ziel hat".

Doch das ist ein hehres Ziel angesichts der wachsenden Polarisierung. So leben heute schon die Hälfte der Kinder, deren Eltern Transferleistungen beziehen, in den benachteiligten Quartieren. Darüber hinaus hat sich die Situation in den Großsiedlungen noch einmal verschärft. "Noch ist es nicht dramatisch, aber es kann dramatisch werden", warnt Häußermann. Vor allem die Tatsache, dass in Reinickendorf und Spandau neue Problemquartiere zu den alten hinzugekommen seien, sei beunruhigend. "Wir werden nun mit den Bezirken sprechen und die Gründe für diese Entwicklung diskutieren", sagte Junge-Reyer. Die Senatorin schloss nicht aus, dass es dort auch neue Quartiersmanagement-Gebiete geben wird. Bereits heute gibt der Senat für seine 33 Quartiersmanagement-Gebiete 15 Millionen Euro jährlich aus.

Allerdings konnten Junge-Reyer und Häußermann auch gute Nachrichten verkünden. Die Mitte zwischen aufgewerteten und problematischen Quartieren ist laut Häußermann "immer noch sehr groß". Ganz besonders aber freut sich der Soziologe, dass der Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt nicht nur in den besseren und mittleren Gebieten, sondern auch in den benachteiligten Quartieren angekommen ist. Für Häußermann ist das "ein Ergebnis der integrierten Stadtentwicklungspolitik, die die schwer Vermittelbaren stärkt". Das habe ein Abkoppeln dieser Gebiete von der günstigen Arbeitsmarktentwicklung verhindert.

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