Sophia Kennedy in Berlin: Ekstatisch trotz Abstand

Tanzen durfte nur eine – Sophia Kennedy selbst. Die Elektro-Pop-Künstlerin spielte ein hinreißendes Konzert im Berliner Festsaal Kreuzberg.

Sophia Kennedy singt ins Mikro

Sophia Kennedy im Festsaal Kreuzberg Foto: André Wunstorf

„What a perfect day for us to spend outside“, singt Sophia Kennedy in „Orange Tic Toc“, dem kleinen Hit ihres zweiten Albums „Monsters“. Nur trifft das am Freitagabend leider nicht auf ihr Konzert im Festsaal Kreuzberg zu. Das muss aufgrund des unbeständigen Juliwetters kurzfristig in den Club verlegt werden. Angekündigt war eine Open-Air-Bühne mit Tanzen ohne Abstand. Stattdessen muss der Abend in den Club verlegt werden, samt Bestuhlung und FFP2-Maskenpflicht.

Bei anderen Künst­le­r*in­nen wäre das sicherlich weniger tragisch als bei Sophia Kennedy. Immerhin lädt ihr eingängiger Elektro-Pop explizit dazu ein, das Tanzbein zu schwingen. Die in Amerika geborene, mittlerweile in Hamburg lebende Künstlerin veröffentlichte 2017 ihr Debüt, im Mai erschien der Zweitling „Monsters“ beim Berliner Label City Slang. Darauf präsentiert sie ein frickeliges Klanggewebe aus Elektro, Pop- und HipHop-Einflüssen mit teils bizarren Songtexten.

Sophia Kennedy bleibt an diesem Abend die Einzige, die dazu tanzen darf. Auf den Plastikstühlen wie Sitzbänken nutzen die Be­su­che­r*in­nen die Möglichkeit aus, die ein Sitztanz eben so bietet. Es wird zum Takt gewippt, Arme fliegen nach oben, Hände und Knie werden zu Percussions, die Füße scharren. Kennedy hat auf der Bühne deutlich mehr Spielraum. Sie wirft ihre Arme beinahe ekstatisch in die Luft, setzt die Hüften in Bewegung, ihre zum Bob geschnittenen Haare fliegen durch die Gegend.

Mit von der Partie ist natürlich ihr musikalischer Partner Mense Reents, besser bekannt als Klavierspieler der Goldenen Zitronen und Teil vom House-Duo Die Vögel. Er begleitet Kennedy auf der Bühne an Bass wie Synthesizern. Die Sängerin wechselt derweil flink zwischen Piano und Synths, zwischen Am-Klavier-sitzen und tanzen. Es ist diese Mischung, die den chansonesken Weirdo-Elektronik-Pop der die beiden so einzigartig wie charismatisch macht.

Ach ja, das Rauchen

Ähnlich verschroben ist auch das Bühnenoutfit der Kennedy. Es besteht aus weißem Hemd, weißer Hose und wahnsinnig unbequem aussehenden Sock-Boots, mit denen sie trotzdem mühelos die Klavierpedale trifft. Den Auftakt macht der Titel „Loop“, der beinahe die ganze Bandbreite ihres erheblichen Repertoires zeigt. Es ist eine Mischung aus dynamischer Klavierinstrumentation, Loops und verstörenden Soundeffekten.

Dabei ist das Highlight das soulige Timbre Kennedys. An diesem Abend klingt es sogar noch ein bisschen tiefer, beinahe kratzig. Schuld daran ist ihre Vorliebe fürs Rauchen, erklärt sie. Zudem habe sie nur wenig Wasser getrunken. Ihre Stimme kommt besonders in den melancholischen Songs hervor, die Kennedy lediglich mit Klavierbegleitung und Bass anstimmt. Viele der Songs klingen deutlich zurückgenommener als die komplexeren Pendants des Albums, was der Duo-Besetzung geschuldet ist.

Mit ihrem Programm aus elektronischen wie quasi­akustischen Songs holt Kennedy nichtsdestotrotz jeden der gut 250 Zu­schaue­r*in­nen ab. Die treibenden Bässe auf „I Can See You“ beschwören beinahe ein Clubfeeling herauf, dazu pulsieren flackernde Lichtstrahler. Den elektronischen wie akustischen Darbietungen ist eins gemein: die Freude der beiden Musiknerds am Performen. „It’s good to be back. I would be happy to say stand up and dance, but it’s still a tricky situation. We will enjoy this another way“, sagt Kennedy in einer ihrer wenigen Ansprachen.

Vor „Cat on my tongue“ lip­synct sie intuitiv zum HipHop-inspirierten Intro mit. Immer wieder schaut sie bei den beinahe gerappten Gesangseinlagen betörend ins Publikum und geht sichtlich souverän mit der veränderten Konzertsituation um. Tatsächlich wird auch das Publikum im Laufe des Abends ekstatischer. Während die Zu­schaue­r*in­nen in den vorderen Reihen immer ausgelassener werden, wirkt die Stimmung auf der Empore des Festsaals etwas verhaltener.

Am Ende der Show ertönt dann vom ersten bis letzten Platz des Festsaals frenetischer Applaus. Kennedy und Reents kehren mit den Publikumslieblingen „Seventeen“ und „Being Special“ als Zugaben zurück. Nach einem zweiten Abgang stimmt Kennedy erneut „I Can See You“ an, diesmal als Pianoversion.

Spätestens damit beweist Kennedy, dass sie die Atmosphäre eines Club- wie Chanson­abends in nur knapp 60 Minuten heraufbeschwören kann. Dafür sorgt nicht nur das musikalische Pingpong zwischen Kennedy und Reents, sondern auch die einzigartige Bühnenpräsenz der Hamburgerin.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de