So klappt’s auch mit dem Nein-Sagen: Nein! Nö! Neeeiiin!

„Ja, klar mache ich das.“ „Kein Problem, ich kümmere mich.“ Sind wir so freundliche Rudeltiere oder warum fällt Nein-Sagen so schwer?

Man kann ja auch nett sein beim Nein-Sagen. Bild: inkje / photocase.com

Kannst du dich darum bitte noch kümmern? Liebe Frau Rokahr, würden Sie das bitte für mich übernehmen? Könntest du das Paket für mich bei der Post abgeben?

Nein, will ich sagen. N-E-I-N! Und antworte: Ja. Das kurze Wort, das vielen Menschen nicht über die Lippen kommen mag, ein einfaches Nein. Eine Silbe, nur zwei Buchstaben mehr als sein bejahender Bruder – und trotzdem drängelt der sich am Ende immer wieder vor. Anschließend ärgern wir uns, dabei kann man das Nein-Sagen trainieren, sagt Tanja Baum.

Sie kümmert sich beruflich um die Ständig-Einspringer, die Alles-Erlediger, um die notorischen Ja-Sager. Sogar ein Buch hat sie darüber geschrieben: „Die Kunst, freundlich Nein zu sagen“. Freundlichkeit muss sein, denn Baum ist Kommunikationstrainerin bei der Agentur für Freundlichkeit. Und dieser Name ist kein Scherz, er ist Programm. Nur, warum muss sie überhaupt Leuten das Nein beibringen? Was fällt uns an diesem kleinen Wort so schwer?

Wer hat Michael Hastings getötet? Er war ein manischer Reporter, berichtete für US-Magazine aus Afghanistan und Irak. Ein US-General stürzte über seine Enthüllungen. Als er an einem Portrait des CIA-Chefs arbeitet, rast sein Mercedes gegen einen Baum und explodiert. Ein Zufall? Die ganze Geschichte lesen Sie in der taz.am wochenende vom 30. November 2013 . Darin außerdem: Eine Reportage darüber, wie die SPD sich nach der Koalitionsentscheidung häutet. Und ein Gspräch mit Klaus Biesenbach, dem Kurator der großen Schlingensief-Retrospektive in berlin. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

„Ein Nein wirkt wie ein Zeichen für Egoismus, fehlende Hilfsbereitschaft“, sagt Baum. „Wir wollen aber viel lieber beliebt sein.“ Kultur und Erziehung seien der Grund dafür, dass wir grundsätzlich versuchen, in einer Gruppe gut anzukommen. „Und da bringt uns ein Ja einfach mehr Sympathie ein als ein Nein.“ Wir sind also freundliche Rudeltiere.

Das Ja gilt einer Person

Tanja Baum kennt zwei typische Bejahungsräume: den familiären („Mama, kannst du das für mich erledigen?“), in dem man einer geliebten Person nichts verweigern will. Und es gibt das berufliche Ja („Frau Rokahr, können Sie das noch übernehmen?“). Hier ist es besonders schwierig, ein Anliegen abzuweisen, denn zu der sozialen Erwünschtheit komme noch die berufliche Abhängigkeit hinzu, sagt Baum.

Das Interessante beim Ja-Sagen: Unser Ja gilt meist keinem Anliegen, sondern einer Person. „Das Thema an sich ist zweitrangig, wir beurteilen in dieser Situation nicht objektiv, sondern machen unsere Antwort von der Person abhängig, die etwas von uns will.“ Mama bügelt meine Wäsche also aus Liebe und Gewohnheit. Ob sie dazu überhaupt Zeit oder Lust hat, überlegt sie erst, wenn die erste Bluse schon auf dem Brett liegt. „Wir müssten unsere Antwort oft nur zwei Minuten zurückhalten“, sagt Baum. „Dann könnten wir die Angelegenheit objektiv beurteilen.“

Eine Nein-Situation müsse mit dem Kopf gelöst werden, nicht mit Gefühl. Sich also kurz entschuldigen, „Moment, ich kann dir gleich sagen, ob ich das noch schaffe“, das reicht oft schon, um die Lage zu analysieren und das spontane Ja herunterzuschlucken. Jetzt bringt Kommunikationstrainerin Baum aber noch den Freundlichkeitsfaktor ein: „Wir sollten uns anhören, was das Anliegen des Gegenübers genau ist, das zeigt Interesse. Danach müssen wir freundlich begründen, dass wir das zwar sehr gut verstehen können, aber leider selbst keine Zeit haben.“

Aber Vorsicht, während der Erklärungen des anderen wächst häufig das schlechte Gewissen. Dann konsequent daran denken, dass wir selbst wirklich keine Lust haben, uns zusätzlich die Angelegenheiten anderer aufzuhalsen – bevor die Ja-Bombe (heraus-)platzt.

Notizen am Abend helfen

Das sei nicht immer einfach, sagt Baum, aber so ein transparentes Nein wirke weniger schroff. Einen weiteren Tipp hat Tanja Baum noch. Wer sich von solchen Situationen immer wieder überrumpeln lässt, soll sich abends notieren, in welchen Situationen ihm das Ja herausrutscht – und mit welcher Begründung er ganz einfach hätte Nein sagen können.

Ganz einfach ist es aber auch für sie selbst nicht immer, sagt sie. Erst gestern war sie bis abends bei einem Kunden, der plötzlich noch ein Anliegen hatte, obwohl eigentlich schon alles gesagt war. „Und ich wusste, wenn ich mir das jetzt auch noch anhöre, dann bin ich erst nachts zu Hause.“ Müde rief es in ihr „Nein!“, während sie leise „Ja“ antwortete. „Letztendlich gehöre ich schließlich auch zu den Menschen, die gut wirken wollen.“

Es sei auch kein Weltuntergang, wenn das Ja doch mal herausrutsche, solange es einem gut dabei geht und es nicht zu einer chronischen Unzufriedenheit führt. Ich bin froh das zu hören. Ich sage gerne Ja. Nicht nur, weil mir das Nein schwer fällt. Sondern auch, weil ich gerne helfe und manches auch einfach lieber selbst erledige. Und weil in den meisten Fällen auch ein Wort zurückkommt, das so viel schöner ist als Ja oder Nein. Ein Wort, das ich nicht oft genug hören kann. Dieses Wort ist: Danke.

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