Skiweltcuprennen in Kitzbühel: Neue im Olymp

Der Schweizer Didier Defago triumphiert bei Österreichs größter Skiparty auf der Streif. Das Ende der jahrelangen Dominanz des rot-weiß-roten Männerteams steht bevor.

Hier fährt Didier Defago der Konkurrenz aus Österreich davon. Bild: dpa

Die beiden Streckensprecher geben ihr Bestes, wenn der Abfahrer über die Hausbergkante schießt und im Blickfeld des Publikums unten im Ziel auftaucht. Egal, wie er heißt und welcher Nationalität er ist, er soll die wohl einmalige Kulisse im Zielraum der Streif auf den letzten Metern spüren. 43.000 Zuschauer waren am Samstag in Kitzbühel im Zielraum und an der Piste, so viele wie bei keinem anderen Skirennen auf der Welt. Aber für die meisten Besucher, die zum Hahnenkammwochenende nach Kitzbühel kommen, ist der Sport nur schmückendes Beiwerk, der spektakuläre Rahmen für ein gesellschaftliches Ereignis. Sie sind wegen der Partys da, der exklusiven und der draußen auf den Straßen, wo schon morgens der Wettlauf um den höchsten Promillegehalt beginnt und abends bei der Siegerehrung noch lange nicht zu Ende ist.

Die Männer, die sich mit zum Teil mehr als 130 Stundenkilometer die Streif hinunterstürzen, werden nur gefeiert und angefeuert, wenn der Held aus Österreich stammt. Michael Walchhofer und Klaus Kröll, der tags zuvor den Super-G gewonnen hatte, waren schnell, aber nicht schnell genug. Didier Defago war am Samstag der Schnellste und folgte seinem Teamkollegen Didier Cuche, der im vergangenen Jahr gewonnen hatte, als Abfahrtskönig von Kitzbühel.

Die Schweiz hat Österreich die Streif-Party verdorben. Und das nach der laut Urs Lehmann, Verbandspräsident von Swiss Ski, "schwierigsten Woche" für die Mannschaft. Die Athleten mussten den schweren Sturz von Daniel Albrecht beim Abschlusstraining am Donnerstag verdrängen. "Natürlich waren wir ein bisschen bedrückt, aber jeder muss seinen Job machen", sagte Defago.

Er machte ihn am besten und vollbrachte etwas, was vor ihm gerade einmal zehn Athleten gelungen war: Er gewann innerhalb einer Woche die beiden großen Klassiker des Weltcups in einer Saison. Der Sieg beim Lauberhornrennen in Wengen war überhaupt der erste in einer Abfahrt für den 31-Jährigen. "Die letzten sieben Tage waren perfekt für mich." Seinen bis Wengen einzigen Weltcuptriumph hatte er 2002 im Super-G von Gröden geschafft. "Ich habe sieben Jahre auf meinen zweiten Sieg warten müssen, dass es jetzt nur eine Woche bis zum nächsten dauerte, ist mir schon lieber", sagte Defago. Lehmann, der Abfahrtsweltmeister von 1993, sieht seinen derzeit erfolgreichsten Schussfahrer "nun im Olymp angekommen".

Die Österreicher nahmen die nächste Niederlage gegen die Schweiz sportlich, immerhin waren Walchhofer als Zweiter und Kröll als Dritter bei der Siegerehrung am Abend dabei. Und Hermann Maier, immer noch der Österreicher liebster Skiheld, schaffte mit Rang zehn sein bestes Abfahrtsresultat in diesem Winter. Er sorgte für die größte Begeisterung im Zielraum, weil er kurzfristig in Führung lag. "Da sieht man, in welcher Krise wir sind", sagte Peter Schröcksnadel, Präsident des Österreichischen Skiverbandes. Allerdings musste auch er zugeben, dass die Schmach von Wengen nicht getilgt werden konnte.

Unter dem Eiger hatte es ein Woche zuvor ein Debakel gegeben wie 15 Jahre lang nicht mehr - mit Georg Streitberger als Besten auf Rang 18. Tagelang war über die österreichische Abfahrtskrise diskutiert und natürlich Revanche für Kitzbühel angekündigt worden. Bis Donnerstag, bis Daniel Albrecht im Abschlusstraining schwer stürzte und die große Rivalität zwischen den zwei Skinationen in den Hintergrund trat.

Die Österreicher haben im Weltcup noch immer die Nase vorn, haben die meisten Siege in diesem Winter - nach dem Slalom am Sonntag waren es acht. Aber der Vorsprung schmilzt, die Schweiz rückt mit sechs Saisonsiegen näher und ist in vier von fünf Disziplinen gleich gut oder sogar besser. Der eidgenössische Männer-Cheftrainers Martin Rufener will den ewigen Skirivalen in drei Jahren von der Spitze der Nationenwertung verdrängt haben, und das scheint kein utopisches Ziel zu sein. Denn Österreichs Siegfahrer sind längst um die dreißig oder älter, die der Schweizer mit Ausnahme von Defago gut fünf Jahre jünger. Zuletzt begegneten sich die beiden Skigroßmächte Mitte der 90er-Jahre halbwegs auf Augenhöhe.

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