berliner szenen: Sitzt ein Mann auf der Straße
Der Tag geht so seiner Wege ohne besondere Vorkommnisse. Komisch, wenn man liest, dass dies der dunkelste Winter seit Langem gewesen sein soll. Direkt hatte man das gar nicht so gemerkt; im Nachhinein denkt man, vielleicht, kann schon sein. Wenn die Sonne dann endlich wiederkommt, ist man guter Dinge. Als es Abend ist, geht man raus, weil kein Bier mehr da ist.
Kurz vor der Kirche steht eine Gruppe von Leuten. Es sind vor allem Männer in dunklen Anzügen mit Hüten und ein paar Frauen. Einer sagt so etwas wie „Abenteuer“ und „das ist Berlin“. Ich gehe in die Richtung, in die sie schauen. Genau in der Mitte der Kreuzung Blücher- und Zossener Straße sitzt ein Mann im Schneidersitz. Seine Kleidung ist dunkel. Er hat auch so etwas Curt-Cobain-mäßiges. Die Autos sehen ihn erst spät und fahren dann vorsichtig an ihm vorbei. Niemand hupt.
Er erinnert mich an diesen jungen Mann, der mit seiner Freundin in der 14. Folge der dritten Staffel von „Twin Peaks“ an einem Baum sitzt und panisch mit sich und anderen Dämonen kämpft und mit einer Pistole herumfuchtelt. Eine schreckliche Szene.
Einzelne stehen an der Ampel und schauen ähnlich verwirrt wie ich vielleicht, andere sprechen miteinander. Jemand telefoniert. Eine Grünphase lang schaut man gebannt auf den Sitzenden, hält den Atem an. Ich denke, dass er ziemlich dicht ist, dass er die Szene, deren Hauptdarsteller er ist, aus großer Entfernung wahrnimmt. Vielleicht ist er auch völlig verzweifelt. Andere denken vielleicht an eine Wette.
Zwei Radfahrerinnen gehen vorsichtig zu ihm hin, sprechen ihn an, er reagiert nicht. Sie stellen sich schützend vor ihn. Ihre Fahrräder blinken. Am liebsten hätte ich geklatscht. Eine Ampelphase schau ich ihnen zu und gehe dann weiter. Kaufe zwei Bier. Auf dem Rückweg sieht man nichts mehr.
Detlef Kuhlbrodt
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