Simone Dede Ayivi Diskurspogo: Wenn am Ende der Reise ein Sarg steht
Es ist nicht so, dass ich nicht zur Beerdigung hätte anreisen können. In Berlin ist nichts, was ich verpasst hätte. Richtig arbeiten kann ich ohnehin nicht. Wie soll das gehen, wenn in Hirn und Herz nur Trauer ist.
Was ich nicht ertragen konnte – beide Male –, war die Vorstellung einer zwölfstündigen Reise, die mich an einen Sarg führt. Eine U-Bahn-Fahrt voll Trauer. Eine Busfahrt. Ein schmerzhafter Aufenthalt am Flughafen, sieben schmerzerfüllte Stunden eingequetscht zwischen Fremden im Flieger. Der Druck im Kopf bei der verheult-verrotzten Landung in der Fremde, die auch Zuhause ist. Und dann der Hitze- und Kulturschock, der im Laufe der Jahre immer weniger einschlug, aber in einem solch kraftlosen Moment mich doch hätte umhauen können.
Der Schock, das wäre diesmal nicht Sprachwechsel, Gerüche, Farben oder Temperaturen gewesen, sondern Abwesenheit. Dieser eine vertraute Mensch, der mich immer vom Flughafen abgeholt hat – zumindest seit dem letzten Tod, den wir zu betrauern hatten –, fehlt und ich weiß nicht, ob ich mich auf eine Autofahrt hätte begeben können, die zur Bestätigung führt, dass es ihm wirklich unmöglich war, mich abzuholen. Denn am Ende der Reise steht ein Sarg, und darin liegt jemand, mit dem ich viel zu wenig Zeit verbringen durfte.
An viele Dinge, die das Leben zwischen den Kontinenten betreffen, habe ich mich gewöhnt. In besonderen Momenten habe ich sogar gelernt, es zu genießen. Woran ich mich aber nie gewöhnen werde: an Trauer und Ängste auf Distanz.
Wenn man einfach nicht das ist
Nicht für jemanden sorgen zu können, nicht für jemanden da sein zu können, weil man einfach im wörtlichen Sinne nicht da ist. Oder man ist da und dann sind da Sprachbarrieren und lokale Bildungslücken, die einem klar machen, dass man dort nicht so eine große Hilfe ist wie in Deutschland, wo man sich auskennt und einschätzen kann, was okay ist und wo man sich beschweren muss.
Dann ist da die Distanz, die durch Ungerechtigkeit entsteht. Denn die Frage, wer vom anderen Teil der Familie anreisen könnte, sollte ich einmal krank sein, oder die Überlegung, wie die Reise zu meinem Sarg sich anfühlen könnte, die muss, die kann sich auf der dortigen Seite der Familie niemand stellen.
Und wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir nicht einmal darüber sprechen: kein Geld, kein Visum, keine Möglichkeit. Und das gilt genauso für die Freuden, die man miteinander teilen möchte. Keine Besuche zu Hochzeiten, Schulabschlüssen oder runden Geburtstagen. Es ist diese Distanz, die entsteht, wenn man das Leben und den Alltag, wichtige Menschen und Orte des Gegenübers nur aus Erzählungen und von Bildern kennt, weil man kein Teil davon sein kann. So gern hätte ich mich nach einem Besuch mit den Worten verabschiedet: „Das nächste Mal kommt ihr zu mir.“ Diese Distanz ist politisch.
„Wenn wir alt sind“, habe ich gesagt, „dann besuchst du mich in Deutschland.“ Es ist etwas einfacher für Rentner*innen, ein Visum zu bekommen. „Und dann zeige ich dir Frankfurt und Berlin. Ich zeige dir mein Maison familiale, wo Papa gelebt hat, als er in Deutschland war. Dann bin ich die, die für dich übersetzt, Tickets löst und einkauft, was du nicht findest, weil ich weiß, wo. Wenn wir alt sind, kommst du zu mir und dann bist du der Fremde und ich passe auf, dass du nicht verloren gehst.“ Du bist nicht alt geworden.
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