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Seßhafte Müslis

KOMMENTAR

Seßhafte Müslis

Mit Riesenschritten nähert sich eine ganze Generation der Stein(haus)zeit: Die Müslis werden seßhaft. Müde vom kümmerlichen Nomadendasein in WGs, Studentenbuden und Gomera legen sie die qualmenden Baumwollsocken ab und gründen Familien. Die Sturm-und-Drang-Zeit freien Vagabundierens mit der Kasten-Ente vom Nordcap bis zur Toscana ist vorbei. Der schwere, leicht fettige Pullover aus reiner Hebridenwolle will sich aushängen — die Getreidemühle sucht einen festen Platz.

Sie haben bürgerliche Berufe, akademische Titel, Fax und eine hochwertige PC-Ausrüstung, sind PlanerInnen, PädagogInnen und PsychologInnen, können die Paragraphen der Einkommensteuergesetze fast noch behender buchstabieren als den Öko-Almanach. In Ottensen hat sich die neue Steinhausgeneration nach Stadtvillen, Boutiquen, Restaurants und Läden dieser Tage nun auch ein staatlich gefördertes Kinozentrum in den Zeisehallen spendieren lassen.

Jetzt gehen einige diese Ex- Nomaden noch einen Schritt weiter — sie schlachten ihre Pferde und Kamele (jetzt kommt's! D. Redaktör). Selbst vor der Stillegung des Familien-Volvos schrekken sie nicht mehr zurück. Voraussetzung ist freilich, die Stadt läßt sie ihre autofreien Öko-Idyllen auf ausgesucht schönen Stadtfleckchen auch in Ruhe verwirklichen.

Mal ehrlich: Gehen sie einem manchmal nicht ganz gehörig auf den Keks, diese besserwisserischen neuen Mittelschichten? Mit ihrer Kohle, ihrem Durchblick und ihrem selbstzufriedenen Ausnutzen jeder staatlichen Lücke? Die bringen es noch glatt fertig und lassen sich ihre aggressive Askese als Pilotprojekt mit EG- Mitteln versüßen!

Aber, mal Häme und Neid beiseite: Der Kampf der gutsituierten postsozialistischen Steinhaus- Ökos leistet einen unverzichtbaren Beitrag für eine bessere städtische Lebenswelt. Sie schlagen Breschen in Baugesetze, Durchführungsverordnungen und Beamten-Beton, zwingen die Politik zum Nachsitzen und Nachdenken. Die Gomera-Generation mutiert zum Gesetzgebungsorgan. Und in allerbester bürgerlicher Tradition, aber mit weit größerem Recht predigt das neue Öko-Bürgertum den Eigennutz als erfolgversprechenden Weg zum gesellschaftlichen Vorteil. Florian Marten

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