Selbstorganisation bei Startups: Kickstarter für Gewerkschaft

Ein neues Kapitel in der Geschichte digitaler Ökonomie: Die Crowdfundingplattform Kickstarter bekommt eine gewerkschaftliche Vertretung.

eine Menschengruppe in einem Raum

Die Kickstarter Gruppe hat für eine Gewerkschaftliche Vertretung gestimmt Foto: OPEIU

Bällebad und Kickertisch waren gestern. Die Verheißungen der digitalen Arbeitswelt, vornehmlich geprägt von Start-ups des Silicon Valley, versprachen eine neue Kultur der Arbeit. Flache Hierarchien, Spaß, Kreativität, frei verhandelbare Gehälter. Was so aussehen wollte wie eine individuelle Überwindung des kapitalistischen Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit, ist inzwischen in der Realität klassischer Ausbeutung angekommen. Selbst bei großen Playern wie Google oder Facebook ist eine Mehrklassengesellschaft entstanden. Auf der einen Seite hoch dotierte, mit Firmenanteilen und Boni ausgestattete ­Manager, auf der anderen lohnabhängige Beschäftigte und outgesourcte digitale Sweatshops.

Berichte über Pro­gram­mie­re­r*innen, die in Kalifornien in ihren Autos leben müssen, da ihre Gehälter nicht für ortsübliche Wohnkosten ausreichen, zeigen zwar ein Extrem, weisen dabei aber auf ein grundsätzliches Problem hin. Wie in jeder Fabrik gilt auch im digitalen Bereich, dass Gewinn nur dann erzielt wird, wenn Arbeitskraft erfolgreich ausgebeutet wird. Und wie am Fließband gilt auch hier: Der Interessenausgleich zwischen jenen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, und denen, die daraus Profit ziehen, funktioniert einfach besser, wenn die Arbeitenden sich organisieren.

Zu dieser Erkenntnis ist nun auch die Mehrheit der Beschäftigten der Crowdfundingplattform Kickstarter gelangt und stimmte deshalb in der vergangenen Woche für ihre gewerkschaftliche Vertretung. In der digitalen Ökonomie ist das bislang extrem selten und deshalb absolut bemerkenswert.

Kickstarter operiert nicht vom Silicon Valley aus. Der Sitz in New York galt lange auch als Statement einer gewissen Distanz zur kalifornischen Ideologie, jener libertären Anything-goes-Attitüde – alles geht, außer Gewerkschaften. Erste Versuche gewerkschaftlicher Organisation im vergangenen Jahr wurden bei Kickstarter unterdrückt, Kündigungen zweier Angestellter inklusive.

Unter anderem der nachfolgende Protest prominenter Un­ter­stützer*innen der Plattform scheint geholfen zu haben. Über Arbeitsbedingungen und auch das operative Geschäft muss Kickstarter jetzt mit dem gemeinschaftlich agierenden Personal verhandeln, so wie früher. Es war eben nicht alles schlecht.

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