Selbständigkeit: Integration als Tretmühle

Menschen mit Migrationshintergrund lernen Fahrradfahren von Polizisten. Dabei sollen auch Berührungsängste gegenüber Behörden abgebaut werden.

In Berlin ein Muss für alle: Fahrradfahren.. Bild: DPA

Über das Gelände der Jugendverkehrsschule Friedrichshain saust eine Handvoll Viertklässler auf knallroten Kinderfahrrädern. Dazwischen, deutlich wackliger, drehen sieben Frauen mit Sturzhelmen langsam ihre Runden. Die Kinder legen die praktische Prüfung für den Fahrradführerschein ab, der an Berlins Grundschulen zur Verkehrserziehung gehört. Die Erwachsenen machen einen Radfahrkurs für Frauen mit Migrationshintergrund. Am Ende werden sie zwar keinen Führerschein erhalten – aber mehr Bewegungsfreiheit.

Aus der Türkei, Sri Lanka, Pakistan und lateinamerikanischen Ländern kommen die Frauen. „In ihren Heimatländern haben sie das Radfahren nicht gelernt. In manchen Kulturen fahren eben nur Kinder oder Männer Rad“, sagt Natascha Garay. Sie leitet das „Bayouma-Haus“, eine Anlaufstelle für MigrantInnen in Friedrichshain. In Zusammenarbeit mit der Polizei organisiert Garay die kostenlosen Fahrradlehrgänge.

Das Ziel der Frauen: ihren Bewegungsradius vergrößern und mehr von Berlin sehen als immer nur den eigenen Kiez. „Fahrradfahren ist für mich eine Form von Integration“, sagt die Kolumbianerin Connie Gutiérrez. Die 38-Jährige studiert an der Kunsthochschule Weißensee. Die Deutschen, sagt sie, seien im Verkehr so schnell und ungeduldig, dass sie sich bisher noch nicht hinaus auf die Straße traue. In der Verkehrsschule kann sie unter Aufsicht so lange üben, bis sie sich sicher genug fühlt.

Das Gelände besteht aus Straßenzügen im Miniaturformat, mit Stoppschildern, Einbahnstraße, Zebrastreifen und Ampeln. Die Kursteilnehmer sollen hier auf alles vorbereitet werden, was sie im Straßenverkehr erwartet. Polizeihauptkommissar Wolfgang Gierlich, der den Kurs leitet, beobachtet Lucia Orrego, die gerade etwas unsicher in eine Linkskurve einbiegt. Die 55-jährige Peruanerin trägt eine dunkelblaue Jogginghose und Turnschuhe – Radfahren ist schließlich Sport. Als er sieht, wie die kleine dunkelhaarige Frau in der Kurve vom Rad steigt und mit dem Fuß den Fahrradständer herunterklappt, runzelt er ein wenig die Stirn. „Ich trinke nur kurz einen Schluck Wasser“, ruft Orrego. „Aber doch nicht das Rad mitten auf der Straße abstellen!“, erwidert Gierlich.

Dem Polizisten macht die Arbeit mit den Frauen Spaß. „Einige waren am Anfang im Umgang mit mir zurückhaltend, weil sie aufgrund ihrer Kultur gegenüber Männern eher verschlossen sind. Aber nach einigen Wochen baut sich das ab“, sagt er.

Auf genau diesen Effekt hofft die Polizei: Sie will mit dem Projekt auch Berührungsängste gegenüber den Beamten abbauen und Vertrauen in Behörden schaffen, sagt Organisatorin Garay. „Durch das Fahrradprojekt bekommen die Frauen einen anderen Bezug zur Polizei. Es ist überraschend für sie, dass ein Mann in Uniform auf Augenhöhe mit ihnen zusammenarbeitet.“ Den Teilnehmerinnen wiederum geht es vor allem darum, nicht mehr so weit laufen oder für kleine Erledigungen einen Fahrschein lösen zu müssen.

Auch die Volkshochschule (VHS) Friedrichshain-Kreuzberg bietet regelmäßig Fahrradkurse für Frauen mit Migrationshintergrund an. Teilnehmen darf aber nur, wer gleichzeitig einen Deutschkurs belegt. „Wir wollen mit den Fahrradkursen einen Anreiz schaffen und gleichzeitig ein bisschen Druck machen, damit die Frauen auch wirklich zu ihren Deutschstunden gehen“, erklärt Gitta-Bianca Ploog, Programmbereichsleiterin an der VHS. Die Kurse sind ein exklusives Angebot für weibliche Interessenten – wenn auch Männer dabei wären, trauten sich die Frauen nicht auf die Räder, vermutet Ploog.

An den Kursen des Bayouma-Hauses darf jeder teilnehmen, Männer, Frauen, Migranten und Deutsche. Schließlich gebe es in vielen Bevölkerungsschichten Menschen, die nicht Rad fahren können. „Wenn wir es schaffen, dass es durch diesen Kurs einen Verkehrsunfall weniger gibt, hat es sich schon gelohnt“, sagt Wolfgang Gierlich.

Um halb drei ist der Kurs für diesen Tag vorbei. Connie Gutiérrez macht sich auf den Weg nach Hause. Zu Fuß. „Aber beim nächsten Mal komme ich mit dem Rad“, sagt die Kolumbianerin. „Wenn ich mich traue.“

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