: Schwierige Schalte
Der Hertha-Derbysieg gegen Union aus Friedenau-Perspektive
Von Gunnar Leue
Was macht der journalistische Beobachter, wenn er nicht zu den Auserwählten der DFL gehört und zum Derby ins Olympiastadion darf? Er geht an diesem Freitagabend in die Fußballkneipe, in Friedenau. Anruf genügt, Reservierung kein Problem, beim Eintreffen eine Stunde vor Anpfiff kein Fiebermessen (wie bei den Berufskollegen im Stadion), dafür leicht fiebrige Erwartung bei den Mitguckern. Alles ältere Herrschaften, die schon viel in ihrem Leben gesehen haben, aber das eben auch nicht. Ein leeres Olympiastadion, in dem Hertha und Union ein Bundesligaspiel austragen. Erstmals in der Geschichte, was von einem Gast mit einem Klassiker des Fußballstammtischs gewürdigt wird: „Es ist sehr angemessen, dass die Hauptstadt von Deutschland zwei Bundesligavereine hat.“
Die Umstände des Hauptstadtderbys könnten allerdings unangemessener nicht sein. Das gilt leider auch für die Kneipenrunde, denn die eingerichtete Gemütlichkeit im Abstandhalten gerät kurz vor halb neun durcheinander. Das Umschalten zur Derbyübertragung auf dem Flachbildschirm auf der Terrasse klappt nicht, kein Signal. Die Männer schauen gespannt, dann skeptisch, dann nervös, am Ende leicht entsetzt. So als würden sie Jürgen Klinsmann erblicken, der gerade seine Rückkehr zu Hertha verkündet.
Kurzerhand muss improvisiert werden, kreatives Stühlerücken, damit auch alle von draußen auf den riesigen Bildschirm im Inneren der Kneipe mitgucken können, wo das Spiel in einer spanischen Sky-Übertragung läuft. Das Geschehen ist trist und interessant zugleich. Nebensächlichkeiten dominieren die Gedanken. Zum Beispiel, dass die Spieler eine Rolltreppe runterfahren, um ins Stadioninnere zu gelangen. Was für ein seltsames Bild. Die Partie selbst führt es fort. Irgendwie wirkt alles so normal unnormal. Die verhallenden Rufe und Pfiffe. Und zweiundzwanzig Spieler, die einem Ball hinterherrennen. Die Herthaner machen das ein wenig effektiver als die Unioner, aber insgesamt schaukelt sich das Geschehen doch unaufgeregt ein. Relativ wenige Chancen, kein Tor bis zur Halbzeit.
Genug Zeit für weitere Auffälligkeiten am Rande. Die Bandenwerbung. „Lokführer-werden.de“. Deutschland braucht also Lokführer, schon wieder. Und das Spiel braucht ein Tor. Das gibt’s in der 51. Minute durch Ibišević und gleich noch eins und noch eins, und am Ende steht es gar 4:0. Der Stadtmeister heißt Hertha, was das Kneipenpublikum ohne überschäumende Euphorie aufnimmt. Vielleicht, weil einige Wetten (1:1-Tipp) danebengingen. Union hätte heute echt nichts gebracht. Aber drin bleiben sollten die Köpenicker natürlich in der Liga. Das möchte man auch in Friedenau.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen