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Schreiben lernen durch eigenes Erproben

■ Ab morgen Montessori-Unterricht für Erstkläßler »Die Kinder lernen durch eigenes Erproben«

Kreuzberg/Charlottenburg. Für 38.000 kleine BerlinerInnen beginnen am Samstag die regelmäßigen Tage auf der Schulbank. Dann heißt es jeden Morgen aufstehen und lesen, schreiben, rechnen lernen. Üblicherweise steht zu diesem Zweck ein Lehrer vor der Klasse und unterrichtet. An Kreuzbergs 21. Grundschule wird anders gelernt. Dort werden in diesem Jahr zum zweiten Mal zwei erste Klassen nach der Montessori-Pädagogik unterrichtet. Weitere zwei Klassen mit je 24 Schülern werden ab Samstag in Charlottenburg in die Grundschule Am Eichkamp integriert.

Auch dort kommen die Kinder morgens zur Schule, haben dann aber erst einmal zwei Stunden für Freiarbeit. In den geräumigen Klassenzimmern mit Gruppentischen steht Lern- und Spielmaterial in den Regalen. Die Kids entscheiden selber, womit sie ihre ersten beiden Schulstunden verbringen. Anschließend wird in altersgemischten Gruppen an bestimmten Themen gearbeitet — am Leben der Indianer zum Beispiel. »Die Kinder lernen durch eigenes Erproben«, erzählt die Lehrerin Renate Leutloff. »Das Lesen, Schreiben, Rechnen ergibt sich dann ganz von selbst.« Leistungskontrollen müssen auch an der Montessori- Schule durchgeführt werden — aber anders. »Wenn ein Kind morgens ein Diktat schreiben will, wird man das aufschreiben lassen«, so Leutloff. Tempo, Schwierigkeit und Zeitpunkt des Diktats solle sich der Schüler aber selbst aussuchen.

Im Mittelpunkt des reformpädagogischen Ansatzes steht das Kind. Ausgehend von dem Gedanken, daß Kinder verschieden sind, soll der Unterricht individualisiert werden — die Schule als Bildungsstätte im weiteren Sinne. In den altersgemischten Gruppen ist auch soziale Erziehung gefragt; multikulturelles Lernen gehört dazu ebenso wie die Integration Behinderter.

In zahlreichen Städten der alten Bundesrepublik arbeiten Montessori-Schulen schon seit vielen Jahren. Auch in den Niederlanden sind die Anhänger der Pädagogik stark vertreten. In Berlin hat der Ansatz ebenfalls Tradition. Die Jüdin Clara Grunewald, nach der die Kreuzberger 21. Grundschule am 4. September benannt werden soll, gründete bereits 1924 das erste »Volkskinderhaus«, angelehnt an die Pädagogik der italienischen Ärztin Maria Monteessoeri, im Wedding. Zahlreiche Kindergärten und Privatschulen folgten. 1933 wurde den Montessori-Lehrern Berufsverbot erteilt; die Schulen mußten schließen. Jetzt wird ein Neuanfang gemacht.

Die insgesamt sechs ersten beziehungsweise zweiten Klassen in Kreuzberg und Charlottenburg sind jetzt als staatliche Grundschulen Teil der Berliner Bildungslandschaft. Daß es den Schülern schwerfallen wird, sich nach den vier »notenfreien« Grundschuljahren auf einer »normalen« Schule einzuleben, erwartet Leutloff nicht. Sie setzt auf die Motivation und die Selbständigkeit der Kinder, die jahrelang frei gelernt haben. Allerdings, so die Schulleiterin Brigitte Hegenbart, bestehe auch noch Hoffnung, daß sich eine Schule in der Umgebung bereit erkläre, den Ansatz in der Mittel- und Oberstufe weiterzuführen. jgo

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