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Schrei so laut du kannst

Unsere Autorin geht mit den Männern ihres Dorfs auf Wildschweinjagd. Und bekommt Einblicke in eine Welt, die ihr sonst verschlossen bleibt

Marco, Juanne und Kollegen in ihrer Heimat, der sardischen Macchie

Von Sardinien Carla Farris (Text und Fotos)

Der Geruch von nassen Hunden erfüllt die Luft. Es ist neblig, sie werden also immer nasser – und immer stinkender. Als einige der Hunde im Autoanhänger auch noch ihr Geschäft machen, ist der Gestank fast nicht auszuhalten. Vielleicht ist ihnen zu kalt. Ein Jäger sagt zu mir auf Sardisch: In dìes’ proanas istan gai.– „An Regentagen machen sie immer so.“

Die Hunde sind so aufgeregt, dass sie nicht stillstehen können. Sie wirken verrückt. In den kleinen Autoanhängern, in denen sie zur Jagd transportiert werden, rennen sie auf und ab. Sie scheinen zu spüren, dass sie heute auf die Probe gestellt werden.

Tigre, Lola, Conte, Diana, Luna. Jeder Hund hat einen Namen, und man spricht über sie, als würde man von Kumpels sprechen, auf die man stolz ist. Die Jäger sagen zum Beispiel: „Er ist mutig, geschickt, tapfer.“

Die Hunde sind die wichtigsten Teilnehmer der Jagd, ohne sie geht nichts. Mein Eindruck ist, dass sich Besitzer eines guten Jagdhunds erhaben fühlen dürfen. Als wäre es ihr Verdienst, einen bedeutenden Beitrag zur Jagdgesellschaft zu leisten.

Erledigt ein Hund seine Arbeit jedoch nicht, ist er nutzlos. Non serviti – „Nützt nichts“ –, sagt Luigi, ein 60-jähriger Jäger. Und wenn ein Hund nichts taugt, gilt er als Unglück, und man macht Witze über ihn. Man nennt einen nutzlosen Jagdhund einen cane pasteri, cane ’e zottola oder cane ’e ballizzu – einen „Nudelfresserhund“, „Napfhund“ oder „Verandahund“. Gemeint ist damit ein Hund, der nur zum Fressen taugt.

Sie bringen Pfeifen und Tröten mit

So wie Pippo. Während die anderen 20 Hun­de sich von ihrer Nase in den Wald führen lassen, um das Wild zu finden, bleibt er zurück. Er ist klein und zieht den Schwanz zwischen die Beine. Pippo ist zu schüchtern, um ein größeres Wildschwein zu bewältigen.

Wenn er so neben mir auf der Straße steht, betrachte ich ihn mit dem Blick eines Stadtmenschen. Ich schaue ihm in die Augen, streichle ihn und empfinde Mitgefühl. Aber hier ist diese Perspektive völlig fehl am Platz. Weil sie aus einer Welt stammt, die mit dieser nichts teilt.

Bei der ersten Jagd bin ich Teil der sos canaglios, der Treiber. Die nennt man so, weil sie die Hunde führen, damit sie in den Wald gehen und die Wildschweine in Richtung der sas postas, der Schützen(-stände), treiben. Als canaglios müssen wir laute Geräusche machen, um das Wildschwein aufzuscheuchen. Die besser Organisierten bringen Pfeifen und kleine Tröten mit. Ich gehöre nicht dazu, deshalb muss ich schreien, bis ich keine Stimme mehr habe.

„Wenn du die Hunde ganninde hörst, dann schreist du so laut du kannst“, sagt Marco, der die Treiber koordiniert. Gan­nin­de ist ein sardischer Ausdruck, der nur im Kontext der Jagd benutzt wird. Gannire ist ein spezieller Laut, den die Hunde nur von sich geben, wenn sie Wild gefunden haben. Ein gedämpftes, aufgeregtes Bellen.

Nach einer Weile höre ich die Hunde ganninde. Ich schreie noch lauter. Aber dann hören sie wieder auf. Kurz darauf fangen sie wieder an. Pippo ist von meinem Schreien verängstigt. Ab und zu beuge ich mich zu ihm hinunter und streichle ihn.

„Scheißfüchse!“, sagt der Jäger Juanne, als wir uns wieder treffen. Gerade hat er einen erschossen. „Die Füchse verarschen die Hunde. Der Hund läuft im Kreis, während der Fuchs lacht“, sagt Marco. „Man erkennt, wie die Hunde dann ein anderes gannire von sich geben – es wird ab und zu unterbrochen.“ Wenn sie es mit dem Wildschwein zu tun haben, gannini sie ohne Unterbrechungen.“ Deswegen müsse man die Füchse auch erschießen, sagt Juanne lachend, während er seine Waffe entlädt, „weil sie uns verarschen und die Jagd stören“.

Ich merke, dass einer der Hunde Blut im Hals hat. Sein Besitzer kontrolliert ihn, findet eine Wunde. Der Hund habe wohl mit einem Wildschwein gekämpft, das ihn mit seinen Hauern am Hals getroffen habe.

Ich empfinde Mitleid für den Hund. Seitdem ich hier aufgetaucht bin, behandeln die Jäger mich fürsorglich. „Pass auf dich auf“, sagen sie. Sie wissen nicht genau, wie sie mit mir umgehen sollen, denn ich bewege mich in einem Raum, der traditionell ihnen gehört.

Mit den Schützen am trockenen ­Flussbett entlang

Ich bin im selben Dorf wie diese Männer aufgewachsen, und trotzdem war deren Welt mir immer verschlossen. In Sardinien ist die Jagd nicht nur ein Hobby, sie gehört zu einem alten sozialen System, das stärker auf Gemeinschaft und interne Regeln vertraut als auf staatliche Vorgaben. Doch während in vielen Teilen der Insel inzwischen auch Frauen zur Jagd gehen, bleibt sie in meinem Dorf bis heute eine rein männliche Tradition, ein geschlossener sozialer Raum mit eigenen Hierarchien.

Die Hunde sind inzwischen trocken und stinken nicht mehr. Sie werden noch einmal in den Autoanhänger verladen, denn wir fahren weiter nach Chilisi, ein anderes Waldgebiet. Aus dem Autofenster betrachte ich die mediterrane Macchie, den niedrigen Buschwald, der die Hügel bedeckt. Und die Sonne, die in der Zwischenzeit zurückgekehrt ist.

Die Schönheit von Chilisi beeindruckt mich. Ich gehe dieses Mal mit dem Schützen. Wir laufen im trockenen Flussbett, und ich ziehe meine Jacke aus, es ist warm geworden.

Im Gegensatz zu den Treibern müssen die Schützen still bleiben und auf die Tiere warten. Die Hunde ganninde wieder, aber es kommt kein Wildschwein heraus. Ich denke an Pippo auf der Seite der Treiber und daran, dass er bestimmt wieder schüchtern ist.

Die Füchse verarschen die Hunde. Der Hund läuft im Kreis, während der Fuchs lacht

Marco koordiniert die Treiber bei der Jagd

Anschließend ziehen wir noch mal in ein anderes Gebiet, diesmal näher ans Dorf. Die Jäger debattieren darüber, wo sie sich am besten hinstellen, und Marco sagt zu einem Schützen, der sich gerade an einer Stelle positioniert hat: Mi chi ti vriccat’ Sirvone. – „So wird dich Wildschwein verarschen.“

Die Jäger nennen das Wildschwein ohne Artikel. Als ich später Tore, einen Jäger, der seit Jahrzehnten dabei ist, frage, warum das so ist, sagt er: „Es ist schlau. Man muss aufpassen, dass es uns nicht überlistet und wegrennt.“

Für die Jäger sind Wildschwein und Fuchs mehr als nur Tiere. Beide gelten als listige Gegner, die die Hunde in die Irre führen, Menschen „verarschen“ und sich jeder Kontrolle entziehen. Wie das Wildschwein hat auch der Fuchs unzählige Namen. Man spricht von beiden, als wären es Personen mit Absicht und Charakter, zwei Figuren der Wildnis, die die Jagdgemeinschaft ständig herausfordern.

Die Jäger erklären, dass die große Zahl der Wildschweine den Feldern und Weiden schadet und die Jagd dazu diene, die Bestände im Gleichgewicht zu halten. Irgendwer müsse sich ja darum kümmern.

Wir befinden uns wieder im Gelände, ich bin mit einem Schützen unterwegs. Den Ort zu erreichen, war ziemlich schwierig. Wir mussten durch die wilde Macchie laufen ohne richtigen Pfad. Ich habe Kratzer an den Händen. In der Ferne höre ich die Schreie der Treiber. Zusammen mit dem Geräusch der Glocken, die die Hunde am Hals tragen, wirkt das Echo elektrisierend auf mich. Die Hunde suchen und suchen, wir warten, und ich glaube, ich habe mindestens so viel Adrenalin in mir wie die Tiere.

Jetzt hört man die Hunde wieder ganninde, und der Schütze gibt mir zu verstehen, dass ich besonders still sein muss. Die Hunde kommen näher, ich höre ihr gedämpftes, aufgeregtes Bellen. Sie sind außer sich.

Dann ein dumpfer Atemzug, schwerer als der der Hunde. Ein seltsames Trappeln, das durch die Macchie geht. Ich verstehe sofort, dass es nicht die Hunde sind. Das Tier klingt vorsichtiger, so, als wolle es sich nicht verraten.

Zu viele Wildschweine schaden den Feldern und Weiden

Da ist es. Sirvone. Das Wildschwein, der Schlaue. Es bleibt hinter dem Buschwerk stehen, der Schütze hebt das Gewehr, ich stehe mit trockenem Hals dahinter und zähle die Sekunden. Eins, zwei, drei, sieben. Wir bleiben alle reglos, auch das Wildschwein hinter dem Busch.

Bumm. Ein Schuss. „Hast du ihn getroffen?“, frage ich den Schützen. Er antwortet nicht.

Plötzlich kommt das Wildschwein aus dem Busch heraus. Seine Läufe bewegen sich noch, doch es wurde getroffen. Wieder empfinde ich Mitleid. Das Blut fließt, irgendwann bewegt sich das Tier nicht mehr. Weil die Straße etwas abschüssig ist, rutscht das Wildschwein nach unten. „Hilf mir“, sagt der Schütze. „Wenn es nach unten rutscht, wird es schwierig, es wieder nach oben zu bringen.“

Also ziehen wir es zu zweit wieder hoch. Das Tier ist ziemlich schwer, wiegt um die 50 Kilo.

Aufgeteilt wird das Fleisch in exakt gleich große Stücke

Blutüberströmt liegt er zu meinen Füßen. Sein Auge hat sich aus der Höhle gelöst und hängt nur noch an blutigem Gewebe. Das Wildschwein sondert Sperma aus, und der Jäger drückt mit der Hand an seinem Penis, um den Rest herauszubekommen. „Sonst wird das Fleisch stinkend und du kannst es nicht mehr essen.“

Dann ein dumpfer Atemzug, schwerer als der der Hunde. Ein seltsames Trappeln, das durch die Macchie geht

Gemeinsam tragen wir das Tier zur Straße, wo es zusammen mit den Hunden auf den Autoanhänger verladen wird. Die Hunde zerren am Eber und beißen ihn, als wäre er noch am Leben und sie würden mit ihm kämpfen.

Man erklärt mir, dass das Wildschwein zusammen mit den Hunden auf das Auto verladen wird, weil sie sich an den Geruch gewöhnen müssen. „So arbeiten sie das nächste Mal besser“, sagt Mario. Alle gratulieren dem erfolgreichen Schützen.

Auf dem Jagdstützpunkt wird das Fell des Wildschweins mit dem Brenner abgebrannt. Währenddessen entdecke ich einen alten, verstaubten Jagdkalender, der unbeachtet in einer Ecke liegt. Darin ist vermerkt, zu welchen Zeiten welche Tiere gejagt werden dürfen.

Danach wird das Tier abgezogen und ausgenommen. Anschließend das Fleisch zerlegt und in exakt gleich große Stücke geteilt. So verlangt es die sardische Gemeinschaftslogik. Auch ich bekomme ein Stück. Der Geruch von Blut und Wild stört mich nicht, das rohe Fleisch fasse ich mit bloßen Händen an.

Für heute bin ich Teil der Jagdgesellschaft. Und habe das Gefühl, gemeinsam mit den canaglios und postas tief in deren Realität eintaucht zu sein. Und in die der Macchie.

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