: Schlüpfrigesaus der Mottenkiste
Haustiere? Nur möglichst klein und flattrig!Der wahre Erfahrungsbericht aus deutschen Stuben
Foto: Zeichnung: Ruth Hebler
Von Thilo Bock
Haustiere hatte ich bislang keine. Und jetzt habe ich eins ausgesetzt. In meiner eigenen Wohnung. Normalerweise werden Haustiere nicht dort ausgesetzt, wo Frauchen oder Herrchen leben. Sondern eher beim Zwischenstopp in die Feriendestination. Aber ich habe ja auch nicht bloß ein einziges Exemplar an die Luft verbracht. Nein, wenn schon, denn schon.
Mir war halt nach was Exotischem: Nicht Hund, Katze oder Maus. Nein, Schlupfwespen sollten es werden. Auf einem Schlag bin ich so Herrchen von 18.000 Haustieren geworden. Wobei, durchgezählt habe ich nicht. Und auch keine Namen vergeben. Achtzehntausend! Da fehlt mir die Fantasie. Die Geschöpfe auseinanderzuhalten wird schwierig. Schlimmer noch: Ich sehe sie nicht einmal.
Schlupfwespen sind so winzig, dass sie allesamt in einen handelsüblichen Briefumschlag passen. Ich habe die gefalteten Pappkarten – auf jeweils knapp elf Quadratzentimetern sollen dreitausend Exemplare hocken – in meiner Wohnung verteilt. Dort, wo sie ausreichend Kost finden, nämlich im Kleiderschrank, an der Garderobe und auf dem Perserteppich.
Wer gern an frischer Luft warmen Kot in Plastiktüten füllt, greift zur Hundeleine. Wer lieber mit flauschigen Wesen schmust, die er noch weniger durchschaut als jeden Mitmenschen, lebt unter Katzen. Und wer Löcher in seinen Pullovern findet, legt sich Schlupfwespen zu.
Eine Weile hatte es schon gedauert, bis ich mir eingestand, dass ich mit meiner Kleidung nicht permanent irgendwo hängen blieb, sondern mir bereits Haustiere eingefangen hatte, heimisch gewordene Wildtiere. Die versuchte ich zunächst zu ignorieren. Immerhin verzichteten sie aufs Surren und Jaulen, und sie durchwühlten auch nicht meinen Müll. Trotzdem, der Textilschaden war da.
Und er sorgt für Gesprächsstoff mit ebenfalls Betroffenen. Langzeitopfer erkennen einander und sind nicht anders als Hundebesitzer, bloß ohne Leine. Nur über die Verdauung der Motten wird eher selten geredet, eher schon über ihre Nahrung.
Wehmütig denke ich an meinen katzenweichen Kaschmirschal, den ich einst unter beispielloser Lebensgefahr im Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe gekauft habe. Der Blick der Verkäuferin war damals so misstrauisch, als wüsste sie bereits, dass es mit dem Schal kein gutes Ende nähme. Und jetzt könnte ich ihn als Einkaufsnetz benützen, zumindest beinahe.
Selbsthilfegruppe für Menschen mit imaginierten Freunden
Schlupfwespenhalter begegnen sich eher selten, allenfalls in der Selbsthilfegruppe für Menschen mit imaginierten Freunden. An meiner Seite ist kein unsichtbarer Hase namens Harvey, ich bin Schlupfwespenherrchen. Sehen kann ich die auch nicht. Dabei sind es 18.000, und es werden immer mehr. Alle drei Wochen bekomme ich neue, dank meines Schlupfwespen-Abonnements.
Wie konnte es so weit kommen? „Kind, du kriegst die Motten!“ Das wusste bereits meine Großmutter. Und eines Tages hatte ich sie tatsächlich. Damals kein großes Problem, einfach eine Dose Insekten-Ex aus dem Baumarkt besorgt und im Schrank hingen nur noch tote Hemden und Hosen. Nichts ging mehr in meinem Schlafzimmer. Betreten lediglich möglich mit Beatmungsgerät. Erst Jahre später wagten vereinzelte Motten den erneuten Vorstoß. Löchlein tauchten auf. Immer in den Lieblingskleidungsstücken. Die Motten und ich haben den gleichen Geschmack.
Bin ich Mottenmann, oder was? Zu Schlupfwespen hatte ich nie einen rechten Draht. Ich scheute sie auch. Motten allerdings genauso. Zu seltsam ist es, einen Pullover zu tragen, in dem Mottenlarven nisten. Werdendes Leben am eigenen Leib kennt Mann sonst gar nicht. Muttergefühle kamen mir trotzdem nicht. So fror ich den Pullover ein. Kein Lebewesen überlebt Schockfrost. Siehe Fischstäbchen. Für die war bald kein Platz mehr im Tiefkühlfach, weil noch mehr aus dem Kleiderschrank dorthin wechselte. Ich erwog, den Kleiderschrank durch eine Gefriertruhe auszutauschen.
Bis dahin würde meine Garderobe halt aus so hässlichen wie löchrigen Teilen bestehen. Gern hätte ich wieder zum Dosengift gegriffen, Umweltsau hin oder her. Leider bekommt man keine anständigen Pestizide mehr. Biologische Schädlingsbekämpfung jedoch erfordert Geduld. Die Verkäuferin im Baumarkt meinte, das sei so, als würde man jede einzelne Motte persönlich totstreicheln. „Also im übertragenen Sinne. Ist eher was für Liebhaber.“ Sie schüttelte traurig das Haupt. „Zeug, das richtig ballert, kriegen Sie offiziell nicht mal mehr in Polen, ist auch EU.“ Da müsste ich schon im Internet gucken. Doch zögerte ich, denn was man von Bestelltem aus dem Internet zu halten hat, weiß man ja – aus dem Internet.
Weil ich ungern in Konflikt mit dem Kriegswaffenkontrollgesetz geraten wollte, entschied ich mich für die Ökovariante, bei der man nicht selbst totstreicheln muss. Das übernehmen 18.000 Schlupfwespen. Und weil das so seine Zeit dauert, bräuchten die Tierchen halt Verstärkung. Und schon hatte man mir ein Schlupfwespenabonnement aufgeschwatzt. Typisch Internet. Nach vier Wochen waren es 36.000, bald 54.000.
Schlupfwespen spüren jedes Mottenei auf und legen ihr eigenes Ei dort hinein. So fressen Schlupfwespenlarven dann Mottenembryos. Zugegeben, keine schöne Vorstellung. Mit so etwas läuft man auch nicht so gern umher. Beileibe kein gutes Gesprächsthema. „Übrigens, in meiner Kleidung findet gerade der Kindermord von Kaschmir statt.“ Dann doch lieber Doggendünnschiss.
Auch wegen so etwas sind mir meine Schlupfwespen suspekt geblieben. Und zu Gesicht habe ich sie nie bekommen. Keine Ahnung, ob jemals wirklich welche bei mir waren. Und dann gleich 72.000! Wer‘s glaubt!
Vielleicht ist das mit den Schlupfwespen auch ein großer Hoax. Die Schlupfwespenmafia erzählt uns verzweifelten Mottenopfern von diesen Wundertierchen und schickt uns lediglich leere Pappkärtchen ins Haus. Würde mich nicht wundern, schließlich bestellt man die ja im Internet.
Die Motten sind bislang nicht wieder aufgetaucht. Weder sie noch neue Löcher. Ich habe daher das Schlupfwespenabo gekündigt. Mit 90.000 Schlupfwespen – ob nun real oder eingebildet – in einem Haushalt zu leben im Wissen, dass es keine Motten mehr gibt für sie, wäre doch unmenschlich.
Ich bin kurz davor, im Bekanntenkreis zu fragen, ob mir wer was Mottenbefallenes ausleiht, um die restlichen Schlupfwespen nicht verhungern zu lassen. Oder wer weiß, vielleicht stellen auch Schlupfwespen von der Evolution getrieben ihre Ernährung um und finden Geschmack an diesem einen hässlichen braunen Pullover von mir.
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