Schalke 04 gegen Hoffenheim: Gut frisiert ist halb getroffen

Noch vor ein paar Monaten war Kevin Kuranyi Zielscheibe des Schalker Fan-Spotts. Magath wähnte ihn reif für die Insel. Jetzt lecken ihm die Knappenfans die Schraubstollen.

Auf Schalke haben alle Kevin Kuranyi auf einmal superlieb... Bild: dpa

GELSENKIRCHEN taz | Die schicke graue Ledermütze hatte sich Jefferson Farfán zwar weit über die Ohren gezogen, doch als Teamkollege Benedikt Höwedes zwei Meter neben ihm den Namen des peruanischen Mützenträgers aussprach, waren dessen Lauscher plötzlich voll auf Empfang geschaltet.

"Ahaaaa", raunte es aus Farfáns Ecke zu Höwedes herüber. Der grinste kurz, dann vollendete er seinen Satz, in dem die Offensivabteilung des FC Schalke extrem gut wegkam. "Was", sprach er, nun besonders laut, "Kevin Kuranyi und Farfán da vorne spielen, ist schon Weltklasse." Vor großen Worten haben sie auf Schalke ja noch nie zurückgeschreckt. Neu aber ist, speziell im Fall des einstigen Nationalmannschaftsflüchtlings Kuranyi: Er darf, wie beim 2:0 gegen Hoffenheim in der 41. Minute, schon einmal derart im Weg stehen, dass er einen eigentlich sicheren Treffer - in diesem Fall wäre Rafinha der Schütze gewesen - verhindert. Ausgepfiffen wird er in Gelsenkirchen dafür trotzdem nicht mehr. Stattdessen liegen die blau-weißen Fans Kuranyi, seit der sich auf Vorschlag seines Trainers hin die Haare hat scheren lassen und seit er seine Rackerei auf dem Feld mit technisch ansehnlichem, zielgerichtetem Fußball paart, fast zu Füßen. Um die leeren Kassen zu füllen, wollte Trainer-Manager Felix Magath den 27-jährigen Angreifer schon an den FC Sunderland in die englische Premier League verkaufen. Aber Kuranyi wollte nicht. Stattdessen hat er nun in jedem der drei Rückrundenspiele einmal getroffen.

"Ich bin ehrlich: Ich wollte quer spielen", gestand Kuranyi also zu seinem kunstvoll wirkenden Führungstor (19.), das ihm der Brasilianer Rafinha mit einer, wie Magath fand, "Riesenvorbereitung" aufgelegt hatte. Der Sieg gegen hübsch kombinierende, mittlerweile aber entsetzlich harmlose Hoffenheimer, die in grauer Vorzeit einmal Herbstmeister gewesen sein sollen, führte in seinem Fahrwasser eine Reihe beachtlicher Statistiken: Für S04 war es der fünfte Heimsieg ohne Gegentor in Folge, in zwei Wochen gegen Köln könnte die Bestmarke aus dem Jahr 1974(!) egalisiert werden. Ebenfalls etwas angestaubt, aber doch erstaunlich: Kevin Kuranyi ist seit Sonnabend einer von erst drei Torjägern in der langen Bundesligageschichte, die in acht Spielzeiten hintereinander mehr als zehn Treffer erzielt haben. Seine beiden Kollegen in dieser illustren Liste: Gerd Müller und Manfred Burgsmüller. Und dann war da noch der Gipfelsturm von Felix Magath, der mit dem zwölften Saisonsieg seiner Mannschaft zum, gemessen an der erreichten Punktzahl pro Spiel, erfolgreichsten Trainer in der S04-Historie avancierte. Sein Vorgänger Ralf Rangnick war zum Gratulieren passenderweise gleich vor Ort. Hoffenheims Coach aber hatte nach dem siebten sieglosen Spiel in Serie andere Sorgen. Erbost und seltsam kraftlos zugleich beklagte Rangnick ("Das ist ohne Worte") die Szene unmittelbar nach der Pause, als Referee Florian Meyer nach einem klaren Foul des Schalkers Sanchez an Hoffenheims Beck schon auf Strafstoß entschieden hatte, sich aber dann von seinem Assistenten umstimmen ließ.

FC Schalke 04: Neuer - Rafinha (81. Mineiro), Höwedes, Bordon, Schmitz - Moritz (72. Reginiussen), Matip, Rakitic - Farfán, Kuranyi, Sanchez (65. Baumjohann)

1899 Hoffenheim: Hildebrand - Beck, Nilsson, Compper, Eichner (32. Zuculini) - Ibertsberger (70. Jabiri), Luiz Gustavo, Salihovic - Carlos Eduardo, Ibisevic, Vukcevic (82. Tagoe)

Zuschauer: 60.402

Tore: 1:0 Kuranyi (19.), 2:0 Schmitz (49.)

Drei Minuten später traf Jungspund Lukas Schmitz (21) zum 2:0 für die Königsblauen, deren Erfolge laut Verteidiger Höwedes vor allem auf Gehorsam basieren: "Wir nehmen alles so an, wie der Trainer uns das vorgibt." Heraus kommt dabei selten großer Fußball, dafür aber zunehmend zuverlässig, wie bei Kuranyis Treffer, fröhliche Kleinkunst. Wie vor seinem Meisterstück in Wolfsburg spielt Magath ("Ich schaue mehr auf die Plätze sechs und sieben") dabei auch jetzt wieder den Bescheidenen. Doch Angreifer Farfán, seit Wochen in Hochform, verrät die Wahrheit: "Europa League ist gut, aber die Champions League ist unser Ziel." Dieses Ziel, das ist Magaths wohl größtes Verdienst in seinen sieben Monaten auf Schalke, verfolgen sie dabei durchaus auch mit Humor. "Eigentlich hatten wir am Morgen abgemacht, dass er zwei Tore schießt. Er muss aufpassen, dass er keine Probleme bekommt", witzelte der Trainer über eine Vereinbarung mit Kuranyi, der konterte: "Ich hoffe nur, dass ich jetzt kein Torschusstraining mit Medizinbällen machen muss."

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