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SanssouciVorschlag

■ „Don Quijote: Der Prozeß“ im ÜBÜ-Theater

Für diesmal bleiben die Windmühlen im Kopf. Don Quijote de la Mancha, der weltberühmte Ritter von der traurigen Gestalt, kämpft nicht mit erhobener Lanze gegen die Arbeitsbehausungen des Müllergewerbes, die er – wissentlich oder unwissentlich – für schreckliche Ungeheuer hält. „Don Quijote: Der Prozeß“ nennt sich die Adaption des Romans von Miguel de Cervantes, mit der Regisseur Jean Verdier die wahren Ungeheuer aus dem Sack läßt: Der unerschütterliche Traum von Ruhm, Liebe und Abenteuer muß sich gegen eine geifernde Meute von Besserwissern verteidigen, die stolz auf ihren Richterstühlen kleben und einen Prozeß des Hohngelächters anstimmen.

Auf dem Prüfstand steht ein lächerliches Männchen, das mit gepuderter Wuschelperücke und löcherigem Unterhemd wenig ritterlich durch die Szene schwingt und hüpft. Oliver Marlo leiht der naiven Unverbesserlichkeit seiner Figur eine schüttere Stimme; und die weit aufgerissen Augen, unter denen sich ein staunender Mund öffnet, zeugen von einer grandiosen Kindlichkeit. Mit großen Gebärden laufen dagegen die anderen Akteure um ihn herum und markieren das Unverständnis derer, die nicht hinter die Dinge sehen können oder wollen.

Viel Liebe zum Detail wird den Figuren zuteil, die bereit sind, sich den Verführungen der Phantasie zu öffnen. Charla Drops als großbäuchiger Sancho Pansa in kleiner Gestalt sind die Insignien der Verdierschen Typengestaltung mitgegeben: Sie trägt den bekannten Knautschhut und hat alle Ecken lang eine Weisheit ihres Großvaters zum besten zu geben, der immer schon wußte, daß es die Geschichte der Faulpelze und Angsthasen ist, die die Legende der Tapferen und Fleißigen fortleben läßt. Eine wunderbare Hosenrolle, der das göttlich komische Spiel der Drops leuchtendes Leben verleiht. Nicht weniger intensiv Nela Bartsch, die als „Professionelle“ mit großen Gesten und Grimassen die Derbheit einer Straßenhure auftischt, bevor der traurige Ritter sie so unvermutet zum Ritterfräulein erhöht, daß ihr Weltbild um einige sentimentale Gefühle bereichert wird.

Verdier ist es gelungen, sein clowneskes Vermögen und seine genauen Menschenbeobachtungen, die schon oft im ÜBÜ-Theater zu Lachstürmen Anlaß boten, auf sechs hervorragende Schauspieler zu übertragen. Herausgekommen ist ein kurzweiliger Abend, der gegen das mörderische Lachen der Phantasielosigkeit mit Erfolg zu Felde zieht. baal

Zu sehen heute und morgen im ÜBÜ-Theater; jeweils 20.30 Uhr.

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