Sanssouci: Vorschlag
■ Odyssee an die Ehefront: „SOS/Mayday“ im Stükke-Theater
Viertel nach acht. „Der beste Vorname für einen Mann ist Godot“, stellt Helga mißmutig fest. Das Ultimatum ist abgelaufen, die gepackten Koffer stehen bei Fuß. Nur hat Helga zuviel Pralinen und Cointreau eingepackt, um die Bühne ohne weiteres verlassen zu können. Also bleibt sie, zehrt von den Vorräten, zieht den Saum des engen Schwarzen tiefer und berichtet von der Ehefront.
„SOS – Sex oder Selbstmord“ heißt die Szene und Helgas Alternative. Am Ende entscheidet sie sich fürs Nichtsein, und ein Herr aus dem Publikum muß helfen, indem er aus sich selbst einen Galgen baut. „So stell' ich mir einen Galgen von IKEA vor“, meint Helga. Spätestens hier denkt man an Dario Fos „Offene Zweierbeziehung“ – die grotesken Selbstmordversuche, den Charakter der hysterischen Ehefrau, die zwischen Haßliebe zum Ehemann und panischer Furcht vor dem Alter schwankt, hat Uwe Wilhelm in „SOS/Mayday“ übernommen. Nicht immer originelle Witze finden sich ebenfalls in beiden Stücken, sind bei dem Italiener jedoch meistens eleganter. Helga sieht aus wie eine abgewrackte Diseuse und redet auch so: „Mein Höschen wurde so feucht, da hätte ich ganz Berlin mit aufwischen können.“ Die einfallslose Mimik der Darstellerin Silvia Rachor tut ein übriges, so daß der Abschied von Helga in der Pause nicht schwerfällt.
Danach feiern plötzlich Faust, Gretchen und ein japanischer Fernsehkoch die Eröffnung der Sushi-Woche in Auerbachs Keller in Leipzig. In der Tripelrolle: Helgas Ehemann, der Schauspieler Herbert. Ihn spielt Max Herbrechter, eine große komische Begabung, der sogar Rilkes „Herbst“-Gedicht zum Lacherfolg machen kann. In „Mayday oder Der Retter der Welt“ wird er vom lieben Herrgott, Mutter Teresa Orlowski und Hitler angestiftet, die Menschheit aus humanitären Gründen zu exterminieren. Mit dem verwirrten Publikum will er natürlich den Anfang machen. „Aber mit einer Pistole, nicht mit einer Bombe. Eine Pistole ist irgendwie persönlicher.“ Das Massaker wird nur durch Herberts Gespräche mit seiner Mutter aufgeschoben, die er in einer roten Kühltasche aufbewahrt. Die alte Frau ist starrsinnig und schiebt immer wieder ihre Hände heraus, obwohl „das dann doch immer so riecht“. Da helfen nur ein paar kräftige Schläge mit der Geburtszange.
Zwischendurch ruft dreimal Helga an. Die Gespräche kennen wir schon aus ihrer Perspektive, denn die „Mayday“-Handlung ist zeitgleich mit der von „SOS“, wie die große Bahnhofsuhr im Bühnenhintergrund zeigt. Kommunikation findet nicht statt. Trotzdem entscheidet sich Herbert zu guter Letzt dafür, seine Frau zu retten, statt das Publikum zu liquidieren. „Am Ende sind die Frauen den Männern nämlich wichtiger als die Rettung der Welt.“ Miriam Hoffmeyer
6.–8.8., 12.–15.8., 19.–22.8., 26.–29.8. um 20.30 Uhr bzw. 21 Uhr im Stükke-Theater, Hasenheide 54, Kreuzberg. Telefonische Rückfrage im Theater (692 32 39) wird empfohlen.
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